1. Umwelt, Klima & Energie

Atomkraft-Beteiligung​en – wer haftet?

In ei­ni­gen Kan­to­nen wurde be­reits the­ma­ti­siert, in­wie­fern sich die kan­to­na­len Strom­ver­sor­ger von ihrer Atom­kraft­werk-­Be­t​​​ei­li­gung tren­nen sol­len bzw. kön­nen. Atom­kraft ist nicht nur ö­ko­lo­gisch und si­cher­heits­tech­ni​​​sch in Frage ge­stellt – sie sind auch ein si­gni­fi­kan­tes wirt­schaft­li­ches Ri­si­ko.

Weil der Stilllegungs- und Entsorgungsfond nicht ausreichend ausfinanziert ist, sollte Axpo neu jährlich 91 statt 53 Mio. CHF zu den Kosten am Ende des Atomkraft-Lebenszyklu​​​s beitragen. Axpo hat gegen die erhöhte Einzahlung Rekurs eingelegt – sie schreibt für 2015 bereits einen Verlust von 911 Mio. CHF. Die Axpo ist im Eigentum der Ostschweizer Kantone, die St.Gallisch-Appenzell​​​en Kraftwerke SAK besitzen 12.5% der Aktien. Ein Unternehmen der öffentlichen Hand kämpft gegen die Kostenübernahme, welche im öffentlichen Interesse gefordert wird? Weil wir statt einer Stromlücke eher Überkapazitäten haben, sind die Strompreise so tief, dass sich weder die Kosten für Wasserkraft noch für Atom- oder Solarstrom decken lassen. In dieser Situation wäre es zweckmässig, zumindest das angeschlagene AKW Beznau 1 nicht wieder in Betrieb zu nehmen, und für die anderen Atomkraftwerke einen Laufzeitplan festzulegen – insbesondere im Sommer ist Atomstrom überflüssig.

Nuklear-Optimisten kalkulieren die Atomstromkosten um 4.6 Rp/kWh wie folgt*:

a) Kapitalkosten: 0.6 Rp/kWh

b) Brennstoffkosten 0.4 Rp/kWh

c) Weitere Betriebskosten 2.1 Rp/kWh

d) Nukleare Entsorgung, Stilllegung, Nachbetrieb 1.5 Rp/kWh – was leider kaum ausreicht.

In Anlehnung an Erfahrungen aus Deutschland kostet der Rückbau eines Atomkraftwerks rund 1.5 Mrd. CHF – für alle Schweizer-AKWs müssen gut 6 Mrd. CHF budgetiert werden. Nach 46 Betriebsjahre haben sich bislang knapp 2 Mrd. CHF im Stilllegungsfond akkumuliert (siehe http://www.bfe.admin.​​​ch/entsorgungsfonds​/​)​ – vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass deutlich mehr in den Fond einbezahlt werden muss. Es ist wohl richtig, dass der kWh-Zuschlag tiefer ist, je mehr Betriebsjahre man den alten Kraftwerken noch zumutet. Andererseits: Ein Nuklear-Störfall in der dicht besiedelten Schweiz kann gut über 200 Mrd. CHF kosten. Nach der Fukushima-Havarie haben umgesiedelte Personen eine Entschädigung von rund 100’000 CHF erhalten – insbesondere für Hauseigentümer nicht viel. Im 30 km Radiums um ein Schweizer AKW leben rund 500’000 Personen – alleine eine bescheidene Umzugsentschädigung würde sich auf 50 Mrd. CHF summieren – und damit ist noch nichts aufgeräumt – der Raum Aarau-Zürich oder Bern-Biel-Fribourg wäre über Jahre “stillgelegt”. Die Privathaftpflicht der AKW-Betreiber deckt 1.05 Mrd. CHF*. Und auch die “volle Vermögenshaftung” der Axpo wird mit 19 Mrd. CHF ein kleiner Trost sein. Statistiker mögen rechnen, dass die Schweiz 1x in 1’200 Jahren von einem Super-GAU betroffen ist – pro Jahr müsste folglich immerhin 160 Mio. CHF für den Fall der Fälle zurückgestellt werden. Abgesehen von moralischen Bedenken halte ich es auch rein ökonomisch für sinnvoller, einen Zuschlag von 2-5 Rp/kWh auf nicht-erneuerbaren Strom zu erheben, um die Atomkraft-Kostendecku​​​ng sicher zu stellen.

Die SAK-Eigentümerstrateg​​​ie muss sich diesem Thema annehmen – seit 2011 läuft eine “Überprüfung”. Die Schlussrechnung kommt so oder so – doch aus meiner Sicht sollte sie der Atomstrom-Verbraucher​​​ bezahlen, und nicht der St.Galler Steuerzahler, der bereits einen atomfreien Strommix bezieht. Unter welchen Bedingungen kann die Axpo Beteiligung verkauft werden? Soll jeder St.Galler eine Axpo Aktie erhalten und selbst entscheiden können, ob er sie behalten will oder lieber in lokale erneuerbare Energie investiert? Ist eine Aufteilung der Axpo in eine Wasserkraft-AG und eine auslaufende Atomkraft-AG zweckmässig? Wenn Sie mich in den Kantonsrat wählen, werde ich mich diesen Fragen annehmen. SAK und der Regierungsrat Benedikt Würth standen hinter der Entscheidung, 500 Millionen für die Nachrüstung von Beznau auszugeben; muss das AKW trotz Sicherheitsrisiko weiter laufen, um den Fehlentscheid zu relativieren? St.Gallen braucht verantwortungsbewusst​​​e Politiker, die etwas von Energie und langfristigem Wirtschaften verstehen!

* “Kernenergie Schweiz” von Bruno Pellaud (Nuklearforum)

Personen haben auf diesen Beitrag kommentiert.
Kommentare anzeigen Hide comments
Comments to: Atomkraft-Beteiligung​en – wer haftet?
  • August 25, 2016

    Ich bin sicher, dass die Eigentümer der Atomkraftwerke die Rückstellungen für den Abbruch der AKW nicht gemacht haben. Wenn sie zahlungsunfähig werden, muss es dann der Steuerzahler richten.

    Kommentar melden
  • Oktober 16, 2016

    Die AKW-Betreiber wehren sich gegen die Erhöhung ihrer Jahresbeiträge für den Stilllegungsfonds.

    “Es gilt das Verursacherprinzip. Die Betreiber der fünf Atomkraftwerke in der Schweiz sind verantwortlich für die Entsorgung der abgebrannten Brennelemente sowie der radioaktiven Abfälle aus dem Betrieb, dasselbe gilt für die spätere Stilllegung und den Rückbau der Atomkraftwerke. Von Gesetzes wegen müssen sie daher den sogenannten Stilllegungs- und Entsorgungsfonds (Stenfo) äufnen. Derzeit liegen 6,4 Milliarden Franken im Topf. In welchem Umfang die weiteren Einzahlungen erfolgen sollen, ist jedoch umstritten. Die Hauptakteure in diesem Zwist: der Bundesrat und die AKW-Betreiber.”

    (t​agesanzeiger.ch/schwe​iz/standard/akwbetrei​ber-wollen-nicht-mehr​-bezahlen/story/11877​076)

    Mit 6,4 Mia CHF kann man die AKW nicht stilllegen und abbauen, das wissen auch die AKW-Betreiber.

    Kommentar melden

Kommentar schreiben

Neuste Artikel

  1. Finanzen & Steuern
Das Bankkundengeheimnis ist staatspolitisch verwerflich! Wie sollen denn die Steuerbehörden an die Informationen über die Steuerbetrüger oder –hinterzieher herankommen, wenn nicht über die Banken? Wer Steuern hinterzieht oder dazu anstiftet ist ein „mieser Staatsbürger“ resp. eine „miese Bank“, in welchem Land auch immer.

Bleiben Sie informiert

Neuste Diskussionen

Willkommen bei Vimentis
Werden auch Sie Mitglied der grössten Schweizer Politik Community mit mehr als 200'000 Mitgliedern
Tretten Sie Vimentis bei

Mit der Registierung stimmst du unseren Blogrichtlinien zu