1. Politisches System

Autonome Schulgemeinden: Erfolgsmodell oder alter Hut?

Der Thurgau kennt als einer von wenigen Kantonen autonome Schulgemeinden. Bevor dieses Modell abgeschafft wird, wäre zu prüfen (dies eine Forderung der Grünliberalen) wie das Thurgauer Model im Vergleich zu Einheitsgemeinden abschneidet.

Bisherig​er Kenntnisstand: deutliche Mehrkosten bei Einheitsgemeinden

Zu dieser Frage gibt es bisher nur die Bachelor-Arbeit von David Stadelmann, welche für den Kanton Zürich nachweist, dass eigenständige Schulgemeinden tiefere Steuern aufweisen. Die Umfrage von Toni Zindel bei neu gebildeten Einheitsgemeinden im Kanton Zürich ergab 2004 zudem als wesentlichste Nachteile einer Einheitsgemeinde Mehrkosten und Lohnsteigerungen.

Pla​usibilisierung aus Sicht des Praktikers

Sinkende Verantwortlichkeit für Finanzen

Aus Sicht des Schulpraktikers kann ich diesen Befund erklären. In einer Einheitsgemeinde wird die Schule zum Ressort. In der Regel wird den Budgetwünschen des Präsidenten der Schulkommission oder des Rektors entsprochen, da der Gemeinderat weder Zeit noch Ressourcen hat, deren Anträge zu hinterfragen. Dies führt in Gemeinden mit genügend finanziellem Spielraum zu Mehrausgaben. In Rapperswil-Jona und Sirnach gilt sogar die Regel, dass die Schulkommission am Gemeinderat vorbei zusätzliche Ausgaben beschliessen kann.

Fragliche Synergieeffekte bei Versicherung, Informatik und Unterhalt

Sachlich weisen die Befürworter von Einheitsgemeinden auf Synergien bei Versicherung, Informatik und Gebäudeunterhalt hin. Die Primarschule Romanshorn, deren Präsident ich bin, konnte in den letzten zehn Jahren die Versicherungs- und Informatikkosten deutlich senken und gleichzeitig die Leistungen verbessern. Spielraum für Kosteneinsparungen, gibt es daher kaum mehr. Beim Gebäudeunterhalt ist meine Beobachtung, dass Behördenmitglieder, insbesondere die jeweiligen Baukommissionspräside​nten sich stark engagieren und Leistungen erbringen, die weit teurer wären, wenn wir sie extern einkaufen müssten oder einem Angestellten der Stadt überantworten würden. Nach meiner Erfahrung wären in einer Einheitsgemeinde weniger gute Lösungen zu höheren Kosten realisiert worden.

Geistige Verarmung der pädagogisch Verantwortlichen

Zu guter Letzt scheint mir noch ein Aspekt entscheidend: Dank der Verantwortung für die Infrastruktur interessieren sich Personen aus technischen und praktischen Berufen für die Mitarbeit in einer Schulbehörde. Diese Vielfalt an Lebenserfahrung, die so in die Behörde eingebracht wird, fehlt einer Schulkommission oder einem Rektor mit ausschliesslich pädagogischer Verantwortung. Diese Verarmung an Erfahrungshintergrund​ kann zu weniger durchdachten Entscheidungen führen.

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