1. Aussenpolitik

Der Westen ist schuld für II. Weltkrieg

Die West­mächte tra­gen die Schuld für den II . Welt­krieg und

dessen lange Dauer.

Am 27. Januar 2015 besprach Cord Aschenbrenner in der NZZ das Buch von Nicholas Stargardt “Der deutsche Krieg 1939-1945”, das die Frage stellt, warum die deutschen im II. Weltkrieg ihren Durchhaltewillen so lange aufrechterhalten haben. Aber es herrscht immer noch die Meinung vor, Hitler sei Schuld für den Kriegsausbruch. Es stimmt, er hat darauf hingearbeitet und dann im Sommer 1939 die entsprechenden Aktionen eingeleitet. Aber wenn man die ganze Entwicklung betrachtet, die dorthin geführt hat, sie man, dass die Westmächte England und Frankreich die Schuld am Ausbruch und dann noch zusammen mit den USA für die lange Dauer tragen.

(Als Beispiel: wenn in einem Konflikt in den nächsten Jahren andere Mächte unser Territorium verletzen werden, z.B. die USA/Nato durch Überfliegen der Schweiz, sind formell sie schuld. Aber eigentlich der Bundesrat und das Parlament, weil sie die früher verfassungsmässige, kriegsverhindernde Armee zerschlagen haben, die das gemäss den uns auferlegten neutralitätspolitisch​en Verpflichtungen hätte gewaltsam bekämpfen müssen und damit das Überfliegen wahrscheinlich erst gar nicht versucht worden wäre).

  • Am 18. Juni 1935 schloss England, ohne die anderen Unterzeichner des Versailler Vertrages zu fragen, mit Deutschland das Flottenabkommen ab, das es Deutschland erlaubte, seine Flotte, entgegen den Bestimmungen des Vertrages, auf einen Drittel derjenigen Englands zu vergrössern. Dadurch wurde Hitler in der Sicht der Deutschen zum erfolgreichen Verteidiger deutscher militärischer Macht.
  • Nachdem die Westmächte die Remilitarisierung Deutschlands entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrages zugelassen hatten, konnte Hitler die Reichswehr (100’000 Mann ohne schwere Waffen) wieder aufbauen. Hitler liess am 27. Februar 1936 auch noch deutsche Truppen in das entmilitarisierte Rheinland einmarschieren. Im Vertrag war diese Eventualität vorausschauend als “feindselige Handlung” definiert worden. Frankreich und England nahmen das hin und machten Hitler dadurch für das, durch die Friedensbedingungen schwer gedemütigte Volk erneut zum „Führer“, der Deutschlands Interessen auch international erfolgreich durchsetzen konnte.
  • Am 27. September 1938, nur drei Tage vor der Konferenz von München, nahm Hitler in Berlin den Vorbeimarsch einer Division ab. Im Hinblick auf München wollte er die Diplomaten beeindrucken. Zudem erwartete er Begeisterungsstürme der Bevölkerung. Wie der bis zum Kriegseintritt der USA in Berlin akkreditierte, damals weltberühmte US Journalist William L.Shirer berichtete, schaute die mit eiserner Miene schweigend zu, verdrückte sich in die Hauseingänge oder hinter die Häuser. Er schrieb, das war „die eindrücklichste Anti-Kriegskundgebung​, die ich je gesehen habe“. Hitler soll dazu gesagt haben: Mit einem solchen Volk kann ich noch keinen Krieg führen.“ An einem Treffen mit linientreuen Journalisten soll er bedauernd festgestellt haben, er habe jahrelang vorgeben müssen, dem Frieden verpflichtet zu sein, um Zeit für die Aufrüstung zu gewinnen. Jetzt habe er anscheinend sogar das deutsche Volk überzeugt. Von jetzt an müssten die Medien jedes internationale Ereignis so darstellen, das die Leser selber eine militärische Antwort forderten.
  • Am 30. September 1938 begann in München die Konferenz, die in der Abwesenheit der Tschechoslowakei über deren Schicksal befand. England und Frankreich, das letztere trotz seines Beistandspaktes mit der Tschechoslowakei, stimmten deren Zerschlagung zu. (Was heute kaum bekannt ist: Hitler gestattete Ungarn, das schon auf seiner Seite stand, und Polen, das er immer noch auf seine Seite ziehen wollte, dort zuerst ihre territorialen Ansprüche zu befriedigen. Polen besetzte das fragliche Gebiet „mit dem Hunger einer Hyäne“ wie Churchill schrieb. )

Hitler hatte nicht mit dieser Kapitulation gerechnet und deshalb schon vor der Abreise beschlossen, der Tschechoslowakei den Krieg zu erklären.

Die oberste Führung der Wehrmacht, darunter Generalstabschef Franz Halder, dessen Stab bis zu seiner Entlassung 1942 durch Hitler alle grossen Operationen geplant hatte, hatte sich verschworen, Hitler nach Rückkehr von München wegen seiner Kriegspläne verhaften zu lassen.

Aber die Westmächte hatten durch ihre totale Kapitulation Hitler zum Triumphator gemacht. Der Putsch der Generäle war innenpolitisch unmöglich geworden. Halder beteiligte sich in der Folge nicht mehr an den verschiedenen Verschwörungen der Wehrmacht. In den Folterverhören nach dem Attentat auf Hitler vom Juli 1944 kam diese Verschwörung von 1938 aber ans Tageslicht. Generaloberst Halder kam mit Frau und Tochter ins Konzentrationslager und wurde vor dem rasche Vormarsch der Alliierten aus Dachau weg ins Tirol verlegt, konnte aber wegen der Kapitulation nicht mehr hingerichtet werden. Im Nürnbergerprozess war er Zeuge der Anklage.

Die Verschwörer und das deutsche Volk wurde durch die Westmächte desavouiert, die ihnen signalisierten: Hitler ist euer grosser Führer. Wie wäre die Geschichte weitergegangen, wenn die Westmächte fest geblieben und Hitler 1938 gestürzt worden wäre?

1938 war die gesamte deutsche Generalität gegen einen Krieg, aus unterschiedlichen Gründen: ethischen, geopolitischen oder weil die Wehrmacht noch einige Jahre brauche, bis sie bereit sei. Der gegen die Kriegspläne protestierende Oberkommandierende der Wehrmacht, Generaloberst Friedrich Beck wurde deshalb (zusammen mit gleichgesinnten hohen Politikern) abgesetzt und durch den selbsternannten Oberkommandieren Hitler ersetzt. Beck hatte alle Generäle zum kollektiven Rücktritt veranlassen wollen, falls Hitler an seinen Kriegsplänen festhalte.

Nach dem Attentat auf Hitler 1944 „durfte“ sich Beck – er war Verschwörer geblieben – erschiessen, Generalfeldmarschall Rommel, von der Propaganda bereits zum Helden verklärt, durfte sich vergiften, weil er, obschon nicht beteiligt, informiert war und das nicht gemeldet hatte, worauf er als vermeintliches Opfer eines alliierten Luftangriffes ein Heldenbegräbnis erhielt. Aber die zahlreichen anderen Verschwörer (erfasst 138), ob Generalfeldmarschall,​ Generaloberst, Beamter oder Bürger wurden 1944 mit den Füssen an Fleischerhaken aufgehängt, um ihren Todeskampf in die Länge zu ziehen. Sie wurden dabei auch noch gefilmt. Admiral Wilhelm Canaris, der Chef der Abwehr und Verschwörer, der im März 1942 eine Bombe für einen Flug Hitlers an die Ostfront geliefert hatte, deren Zünder dann aber im Frachtraum des Flugzeuges einfror, wurde wenige Tage vor der Kapitulation im Konzentrationslager Flössenburg noch gehängt. 13 weitere Verschwörer begingen Selbstmord, aus Angst entdeckt zu werden und unter der Folter ihre Mitverschwörer zu verraten. Als die GESTAPO hörte, dass Generalmajor Henning von Treschkow so gestorben war, statt, wie in den Nachrichten gemeldet, durch den Heldentot an der Ostfront, wurde sein Sarg aus dem Grab geholt und im Konzentrationslager Sachsenhausen verbrannt.

  • Aber auch die lange Dauer, bzw. das materielle Ermöglichen eines langen deutschen Widerstandes, ist den Alliierten anzulasten. (Die immaterielle Seite wurde im erwähnten NZZ Artikel besprochen). Schon vor dem Kriegsausbruch warnten die zuständigen Ministerien Hitler vor Abenteuern, denn Deutschland sei völlig von Treibstoffimporten abhängig. Deutschland baute dann gigan-tische Industrieanlagen auf, die im Krieg 70% seines Treibstoffbedarfs aus Kohle herstellten. Rund 30% lieferte das verbündete Rumänien. Seine Ölfelder in Ploesti waren aber seit 1941 Ziel mehrerer alliierter Luftangriffe und fielen nach der Besetzung durch die Rote Armee ab 24. August 1944 ganz aus.

Mit anderen Worten, Deutschland war im Krieg völlig von seinen Hydrierwerken abhängig. Mehr als 2 Jahre vor Kriegsende formulierte das Generalfeldmarschall Milch von der Luftwaffe an einer Lagebesprechung so: “Die Hydrierwerke sind das Schlimmste was uns treffen kann; damit steht und fällt die ganze Möglichkeit der Kriegsführung. Es stehen ja nicht nur die Flugzeuge, sondern auch die Panzer und die U-Boote still, wenn die Werke wirklich getroffen werden”.

Dieses Alptraum haben die Alliierten Hitler bis ins fünfte Kriegsjahr erspart

Stattdessen entwickelten die Engländer in ausgedehnten Versuchen die Bomben, Technik und Taktik, mit denen die alten Häuser in den zum grossen Teil aus dem Mittelalter stammenden Städten am leichtesten in Brand gesetzt werden könnten. Dann führten sie, später zusammen mit der US Luftwaffe, absichtlich einen jahrelangen Luftkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung (dabei flogen sie oft nachts über die Schweiz), in deren Verlauf die meisten grösseren Städte in Schutt und Asche gelegt wurden. Dabei wurden oft wiederholt 1000 Bomber (jeder mit einer Traglast mehrere Tonnen) gegen eine einzigen Stadt eingesetzt. Das war eindeutig ein Kriegsverbrechen, obschon sie das grösste Kriegsverbrechen nicht gegangen hatten – auf der Verliererseite zu sein.

Aber dann, schon nach dem ersten grossen Luftangriff im Mai 1944 auf die Hydrierwerke, sank die deutsche Treibstoffproduktion auf einen Drittel. Unter Einsatz von hunderttausenden von Zwangsarbeitern aus den besiegten Ländern wurden die Werke rasch wieder aufgebaut. Aber im Dezember 1944 erhielten sie von 1000 US-Bombern den Todesstoss. Die deutsche Treibstoffproduktion fiel zusammen.

Deutschland​ hatte schon futuristische Waffen entwickelt und wegen der langen Verschonung seiner Rüstungsindustrie durch den Luftkrieg konnte es die Produktion dezentralisieren und in unterirdische Anlagen verlegen. Deswegen erreichte der Ausstoss an Waffen und militärischen Gütern unmittelbar vor der deutschen Kapitulation 1945 ihren Höhepunkt. Aber es fehlte der Treibstoff, auch für die weltweit ersten Kampfjets, und es fehlt an Pulver, Nebenprodukt der Treibstoff-produktion​.

Hätten die Alliierten gleich von Anfang ihre gewaltige Anstrengung im Luftkrieg auf die deutsche Treibstoffversorgung konzentriert, hätte der Krieg Jahre vorher beendet werden können, Millionen von Menschen wären nicht vergast worden oder durch Kriegseinwirkungen umgekommen und Europa wären die flächendeckenden Zerstörungen erspart geblieben. Churchill soll das zu Anfang des Krieges erwogen haben, entschied sich dann aber für den Luftkrieg gegen die deutschen Städte, vielleicht fehlgeleitet durch Rachegefühle wegen der deutschen Luftangriffe auf London und Coventry? Den Engländern war es deswegen etwas unwohl, denn sie ächteten nach dem Krieg den „Bomberteddy“ genannten Oberbefehlshaber der Bomberflotte gesellschaftlich.

Got​thard Frick

Personen haben auf diesen Beitrag kommentiert.
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Comments to: Der Westen ist schuld für II. Weltkrieg
  • Februar 3, 2016

    @ Herr Gotthard Frick,

    Wiederum ein sehr guter und sachlicher Artikel.

    Ich habe diesen mit viel Interesse gelesen. Ich habe seit dem 12. Lebensjahr nämlich die Bücher über die jüngere Deutsche Geschichte wie ein Verhungernder “geschluckt”.

    Viel​en Dank & weiter so.

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  • Februar 3, 2016

    Eine korrekte Einschätzung der damaligen Situation, Herr Frick. Besten Dank.

    Wenn Sie sich aber an den “Bergier Bericht”, an dem neben Jakob Tanner und Prof. Bergier 2 weiter Schweizer, und 4 Ausländer während 3 bis 4 Jahre gewerkelt haben erinnern, müsste man sagen, die Schweiz sei schuld am 2. Weltkrieg.

    Das ist natürlich überspitzt und provokativ. Dennoch, jener Bericht, von der Eidgenossenschaft in Auftrag gegeben, glich einer veritablen Selbstzerfleischung. Eine totale Fehlinvestition. Die Folge war, replikartige Forschungsarbeiten aus dem Umfeld von Prof. Walter Hofer, z.B. in “Hitler, der Westen und die Schweiz” Hofer/Reginbogin.

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