1. Umwelt, Klima & Energie

Die Krim-Krise und das Wynental

Stellen Sie sich vor, die Deut­sche Armee würde im El­sass ein­mar­schie­ren, wie 1939. Oder die österreichische im Südtirol. Oder die französische in der Ro­man­die: Das wären völkerrechtliche Ver­bre­chen un­glaub­li­cher Trag­wei­te, und die Re­ak­tio­nen wären die schärfsten, die man sich überhaupt den­ken kann. Der Ein­marsch von Russ­land auf der Krim ist genau gleich ge­ar­tet, und trotz­dem schei­nen die Re­ak­tio­nen auf der po­li­ti­schen Bühne, ab­ge­se­hen von „starken Worten“ äusserst gedämpft. Nicht ein­mal zu nen­nens­wer­ten Wirt­schaftssank­tio­​nen hat man sich bis­her durch­ge­drun­gen. Wie­so? Ei­ner­seits hat man wohl von Pu­tins Russ­land nichts an­de­res er­war­tet, man kennt ja das Mus­ter von Südossetien, Ab­cha­sien und Trans­nis­tri­en. An­de­rer­seits: Ganz West­eu­ropa fährt unter an­de­rem mit rus­si­schem Öl und heizt mit rus­si­schem Gas. Und wenn wir das Selbst­be­stim­mungs­​recht (mo­men­tan) der Völker Zen­tral­eu­ro­pas gegen die rol­len­den Zah­len an der Zapfsäule abwägen müssen, so ist na­tio­nale Selbst­be­stim­mung plötzlich nur noch eine re­la­tive Errungenschaft.

Auch wir Südaargauer sind ein Steinchen auf diesem geopolitischen Spielfeld. 2010 haben wir eine schöne neue Gasleitung ins Wynental erhalten – beschlossen via die Anteilseigner EWS und IBA von unseren Gemeindeexekutiven und finanziert von uns Steuerzahlern und Energiekonsumenten. Der Bedarf wurde hauptsächlich mit industriellen Anwendungen begründet, die auf Verbrennungstemperatu​ren angewiesen sind. Nun, da sich die industrielle Nachfrage offenbar doch in engen Grenzen bewegt, scheint es, als solle die Investition nun dadurch amortisiert werden, dass man weitere Kundengruppen – Schulen, öffentliche Gebäude, private Haushalte – als Kunden anwirbt. Kunden, für deren Bedürfnisse es durchaus erprobte Wärmequellen gäbe, die nachhaltiger und vor allem aus eigener Produktion, ohne geopolitische Abhängigkeiten sind: Sonnenkollektoren, Wärmepumpen, Holzpellets, Erdwärme. Vom engen betriebswirtschaftlic​hen Standpunkt von Wynagas aus gesehen mag das Sinn machen. Aber im Dienste der Endkunden ist es wohl nicht, wer will sich schon neben den unerwünschten CO2-Emissionen der Gasverbrennung und deren Klimafolgen auch noch Abhängigkeiten von den aktuellen Machtspielen des Kremls einhandeln? Auch die Vertreter der öffentlichen Anteilseigner müssten sich überlegen, ob ihre zukünftigen Strategie- und Investitionsentscheid​e wirklich im Sinne ihrer Auftraggeber (der Stimmbürger und Energiekonsumenten) sind oder nur dazu dienen, zu überdecken, dass Investitionen der Vergangenheit fragwürdig geworden ist.

Man mag jetzt sagen: Das Gas in unserer Leitung kommt doch gar nicht aus Russland, und der Gaspreis finanziert daher keine russischen Kriege. (Tatsächlich weiss ich nicht, woher es kommt.) Aber sind wir ehrlich: auch wenn es aus Azerbaidschan, aus Nigeria, dem Königreich der Familie Saud oder aus Iran kommt: Beruhigt Sie das?

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Comments to: Die Krim-Krise und das Wynental
  • Februar 28, 2013

    Bis 15 Jährig, sollte wenn möglich die Frau ,die Kinder betreuen.Wenn sie Schulpflichtig werden ,kann die Frau immer noch eine Teilzeitbeschäftigung​ auf ihrem erlernten Beruf annehmen.Bis zu diesen ernormen Einwanderungen war es meistens so!

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  • März 7, 2014

    Die Krim war weitgehend autonom und jetzt wollen sie halt nichts politisch mit der neuen Regierung in Kiew und nichts mit der EU zu tun haben, wie wir Schweizer auch. 60 % die dort leben sind Russen und stehen zu Moskau. Lassen wir dies. Was jetzt Sorgen macht sind die Manöver der Amerikaner auf dem Schwarzen Meer und die US-Flugzeuge in Litauen. Das ist das Problem. Die neue Regierung in der Ukraine wird die EU-Unterstützung in ihre eigenen Taschen verschwinden lassen, was mittlerweile Tradition ist. Der Rest der Ukraine steckt bei den Oligarchen in der Tasche. Die Deutschen wollen das Assoziierungsabkommen​ sofort unterschreiben, wegen den traditionellen Territorialgelüsten. Die EU würde besser zuerst die Türkei aufnehmen. Sie ist NATO-Mitglied, steht wirtschaftlich besser da als Griechenland und bringt wirtschaftlich mehr als die Ukraine, wo sich mindestens die Hälfte der Wähler wieder gegen die Übergangsregierung stellen wird, da Putin wieder günstigeres Gas verspricht. So einfach geht dies auf russisch. Jalta muss ein schöner Ort sein, habe ich gehört, muss ich auch mal besuchen. Russland ist zu mächtig und die EU ist ein Bisschen naiv. Jeder Angriff auf Russland war ein Desaster. Im ersten Weltkrieg, im zweiten Weltkrieg und im dritten, wenn die EU mal ruhig bleiben würde, aber sie ist es nicht. Wenn Hänschen nichts lernt, dann lernt es Hans nie. Eine deutsche Weisheit die in Deutschland noch niemand begriffen hat. Sanktionen gegen Russland, dass ich nicht lache. Die EU schneidet sich ins eigene Fleisch. Gibt höchstens noch mehr arbeitslose Spanier. Die USA hat doch kein Interesse an der Ukraine, sie wollen nur eine neue Airbase in der Ukraine aufstellen, damit sie ihre Weltmacht gegenüber dem alten Erzfeind Russland ausbauen können.

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    • Juli 19, 2021

      Die Hintergründe dessen, auf der Krim geschieht, hat mit dem, was die Krim will, nicht viel zu tun. Die Krim hatte eine gewählte, russlandfreundliche Regionalregierung, die aber keine Aenderung der Staatsgrenzen wollte, weil sie ihre Autonomie (innerhalb der Ukraine) durchaus zu schätzen wusste. Der jetzt eingesetzte Hampelmann, Sergej Aksjonov, ist bei der letzten Regionalwahl auch angetreten und hat 4% der Stimmen geholt. Die Krim ist nur Mittel zum Zweck, und der Zweck ist, dass Putin auch ein bisschen von seinen Grossmachtträumen erfüllen kann, aus denen er (mangels anderer Erfolge in der Entwicklung Russlands) seine innenpolitische Legitimation zu ziehen sucht.
      Wir Europäer (Menschen des europäischen Kulturraums, die denken, dass man Konflikte mit Verhandlungen lösen soll und nicht mit Truppen) haben durchaus mächtige (friedliche) Druckmittel, auch gegen ein Russland, um unsere Wertvorstellungen durchzusetzen. Aber wir müssen sie auch einsetzen. Selbst, wenn es weh tut. Wenn Interessen in Europa wieder mit Waffen und Truppen statt Verhandlungen vertreten werden, tut es noch viel mehr weh.

      Aber mir ging es im obigen Artikel eigentlich nicht um uns Europäer, sondern um uns Schweizer und Wynentaler, und was wir tun können, um uns immuner zu machen gegen geostrategische Schachspiele. Denn eigentlich würden wir dort doch lieber abseits stehen, oder nicht?

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    • Juli 19, 2021

      Wenn die Ukraine nicht stabil wird, kann die Krim nichts von der Ukraine abgewinnen. Die Krim ist immer noch russisch geprägt und nicht ukrainisch. Während der Sovjet-zeit war die Krim bis 1954 Teil Russlands und das seit dem 18. Jahrhundert.

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