1. Gesundheitswesen

EMR und die QUalität in der Komplementärmedizin

Intervi​ew TRIBÜNE

15 Jahre EMR: Interview mit der Gründerin Silva Keberle

«Der Dschungel hat sich in den letzten Jahren zu einer Naturwiese entwickelt»

Es war eine Pionierleistung: Vor 15 Jahren rief Silva Keberle das «ErfahrungsMedi­ zinische Register» (EMR) ins Leben mit dem Ziel, zum Schutz der Patienten Trans­ parenz im «Dschungel» der erfahrungsmedizinisch​en Angebote zu schaffen. Ein Jubiläumsinterview.

Int​erview: Bruno Kesseli

Frau Keberle, Sie haben vor 15 Jahren das ErfahrungsMedizinisch​e Register (EMR) gegründet. Was hat Sie dazu motiviert?

Silva Keberle: Es waren vor allem Neugierde und In­ teresse an diesem weitläufigen, umstrittenen und spannenden Gebiet. Und das Bedürfnis, in diesem komplexen und damals völlig unregulierten Seg­ ment der therapeutischen Angebote den Schutz der Patienten aufzubauen. Natürlich hat das Vertrauen der Krankenversicherer in unsere Kompetenz auch eine Rolle gespielt.

Welche Beziehung haben Sie selbst zur «Erfahrungsmedizin»?
Das hängt etwas von den Methoden ab. Über alle rund 120 Methoden, für die das EMR ein Qualitäts­ label vergibt, könnte man meine Beziehung als neu­ tral­interessiert bezeichnen. Einzelne Methoden habe ich selbst ausprobiert und erstaunliche, gute Erfahrungen gemacht. Bei anderen Methoden habe ich etwas Zweifel, ob die Begründung für die Wirk­ samkeit einer objektiven Prüfung standhalten würde. Aber ich sehe auch, dass die Schulmedizin es in den letzten Jahren etwas verpasst hat, ihre ganz­ heitlichen Fähigkeiten einzusetzen. Kranke Menschen brauchen – neben einer guten medizinischen Ver­ sorgung – auch viel Zuwendung, Zeit, Aufmerksam­ keit. Das kommt in der doch sehr technisierten Medizin manchmal zu kurz.

Vermutlich​ ist das EMR trotz seines mittlerweile 15-jährigen Bestehens vielen Ärztinnen und Ärzten noch kein Begriff. Was ist die wichtigste Funktion des EMR?
Das EMR vergibt ein Qualitätslabel für Therapeutin­ nen und Therapeuten der Erfahrungsmedizin, auch Komplementär­ oder Alternativmedizin genannt. Mit diesem Label können die Therapeuten respektive ihre Patienten eine Behandlung zulasten der Privat­ versicherungen abrechnen, sofern sie eine Versiche­ rung für Komplementärmedizin abgeschlossen haben.

Können Sie die wichtigsten Entwicklungsschritte des EMR in den vergangenen 15 Jahren kurz skizzieren?
Das sind im Wesentlichen drei grosse Schritte: zuerst die Pionierphase, als wir innert Wochen eine funk­ tionsfähige Infrastruktur aufbauen mussten, und das in einer Zeit, als Computer und Internet noch nicht etabliert waren. Man konnte keine Begriffe «goo­ geln», die Recherchen waren aufwendig und schwie­ rig. So dauerte es damals zum Beispiel eine ganze Weile, bis wir herausgefunden hatten, dass die Methode «Sumathu» keine asiatische Therapieform ist, sondern eine Entwicklung von Herrn Sulser Max in Thun. Ausserdem mussten wir damals erst das Vertrauen der Therapeuten, der Schulen und der Verbände gewinnen

Wie sahen die weiteren Schritte aus?

Nach einigen Jahren kam dann die Phase der Konso­ lidierung. Das EMR hatte sich etabliert, war enorm gewachsen und zum Marktführer geworden. Immer mehr Versicherer schlossen mit dem EMR einen Ver­ trag ab und nutzten unser Qualitätslabel für ihre Angebote in der Erfahrungsmedizin.Der​ dritte Schritt ist die Entwicklung seit der Volksabstimmung 2009. Die Komplementärmedizin wurde in die Verfassung aufgenommen. Seitdem hat die Akzeptanz der Komplementärmedizin einen enormen Sprung nach vorn gemacht. Die laufenden und kommenden Entwicklungen vorherzusehen und mit unserem Qualitätslabel diesen sich rasch wan­ delnden Markt abzubilden, das war und ist unsere Aufgabe in der dritten Phase.

Wenn Sie das EMR der Gründungszeit mit dem heutigen Register vergleichen: Wo liegen die grössten Unterschiede?

In der Qualität der Aus­ und Fortbildung der Thera­ peutinnen und Therapeuten. Damals konnte sich fast jeder ungehindert «Therapeut» nennen. Es gab wenige seriöse Ausbildungen und kaum klare Defini­ tionen und Standards. Durch das EMR­Reglement wurden die ersten gesamtschweizerischen​ Vorgaben erarbeitet, gemeinsam mit Exponenten der Erfah­ rungsmedizin – das war ein Meilenstein, nicht nur in der Schweiz. Meines Wissens gibt es auf der ganzen Welt kein Land, das sich in diesem Gebiet so weit entwickelt hat.

Hat​ die Verankerung der Komplementärmedizin in der Verfassung nach der Abstimmung im Jahr 2009 für das EMR wesentliche Änderungen gebracht?
Ja, eindeutig. Das Thema Qualität in der Komple­ mentärmedizin ist nun in aller Munde, zum Beispiel in der Forschung oder der Berufsbildung. Die Akzep­ tanz des EMR ist enorm gestiegen, das EMR ist zum Kompetenzzentrum geworden. Wir beraten nicht nur unsere Versicherer, sondern auch Kantone und andere Institutionen. Denn das EMR verfügt über eine riesige Datensammlung und kennt den Markt der Erfahrungsmedizin in der Schweiz wie keine andere Institution. Kurzum: Wir müssen weniger Überzeugungsarbeit leisten und kommen viel rascher vorwärts.

Lässt sich Qualität in der Komplementärmedizin überhaupt definieren?
Aber sicher! Qualität heisst: gute berufliche Kompe­ tenz. Eine gute Therapeutin hat eine abgeschlossene, seriöse Ausbildung, sie bildet sich regelmässig fort, sie kennt ihre Grenzen und hält sich an die gesetz­ lichen Vorgaben. Dazu berücksichtigt sie einen Be­ rufskodex, in dem der Schutz des Patienten im Vor­ dergrund steht. All diese Kriterien finden sich im EMR­Reglement, einzusehen auf der EMR­-Website.

Kan​n das EMR für qualitative Mindeststandards der registrierten Therapeuten Gewähr bieten?
So gut wie die FMH für ihre Ärzte Gewähr bieten kann. Was die Therapeuten in der Praxis machen, können wir nicht kontrollieren. Aber wir stellensicher, dass die Therapeuten, die beim EMR re­ gistriert sind, sämtliche Forderungen unseres Regle­ ments erfüllen – und das sind wie gesagt beachtlich viele! Das EMR­Reglement ist sehr umfassend. In manchen Kantonen praktizieren immer noch Perso­ nen mit kantonaler Bewilligung, die den EMR­Krite­ rien nicht genügen würden, unsere Anforderungen sind für diese Personen zu hoch. Insgesamt ist die Qualität der Ausbildungen in den letzten 15 Jahren sehr viel besser geworden, so dass wir kaum noch abenteuerliche oder absurde Registrierungsgesuche​ sehen. Dies ist nicht zuletzt auch den enormen Bemühungen der Verbände der Erfahrungsmedizin zu verdanken die über ihre Organisationen der Ar­ beitswelt grosse Arbeit leisten.

Wel​che gesetzlichen Regelungen gelten momentan bezüglich der Berufszulassung für nicht-ärztliche Therapeutinnen und Therapeuten?
Keine, sofern eidgenössische Gesetze gemeint sind. Kantonal gibt es Gesetze bezüglich Berufsaus­ übungsbewilligung. Einige Kantone sind da sehrrestriktiv bis ablehnend, andere sehr permissiv. Bei der Terminologie herrscht in den Kantonen zum Teil ein eindrückliches Durcheinander der Begrifflichkei­ ten. Das EMR hat die Gesetze aller Kantone in Hin­ blick auf die Erfahrungsmedizin analysiert und ver­ glichen – da gibt es einige Widersprüche und auch richtige Fehler. Zudem kommen auf die Kantone neue Fragestellungen zu, für welche die Gesetze an­ gepasst werden müssen, wie zum Beispiel bei den Themen Heilmittelabgabe, Mehrwertsteuer oder auch – die neueste Entwicklung – die Verordnung von Laboranalysen durch die Therapeuten. Meiner Meinung nach muss eindeutig klar sein, dass für sol­ che Fragestellungen und Leistungen eine entspre­ chende Ausbildung vorhanden sein muss.

15 Jahre EMR, das bedeutet auch viele Daten und Er- kenntnisse. Können Sie uns einige der interessantesten Zahlen aus dem EMR-Fundus nennen?
Mit 19300 Registrierungen gibt es fast 2000 EMR­ Therapeuten mehr als FMH­Ärzte im ambulanten Sektor. Jährlich melden sich etwa 1400 Therapeu­ ten neu beim EMR an. Wir haben Kontakt zu rund 2700 Schulen und zu über 1000 Verbänden, die mit zum Teil divergierenden Interessen aktiv sind. Spit­ zenreiter bei den Top Ten der Methoden sind die Massagepraktiken. Zürich hat die meisten EMR­ Therapeuten, Appenzell Innerrhoden die wenigsten. Bei der Dichte pro 1000 Einwohner hat hingegen Appenzell Ausserrhoden die Nase vorn, gefolgt von Luzern und Basel­Stadt. Und, keine Zahl, aber eine wichtige Erkenntnis: Es fehlt (weltweit) immer noch die Antwort auf die Frage, was zur Erfahrungsmedi­ zin gehört und was nicht.

Die Erfahrungsmedizin gleicht einem Dschungel, der eine unglaubliche Vielfalt an Methoden und Therapeuten her- vorbringt. Ist es möglich, auf diesem Gebiet den Überblick zu haben?

Der Dschungel hat sich in den letzten Jahren zu einer Naturwiese entwickelt. Noch gibt es viel zu tun, aber die Situation ist deutlich transparenter geworden. Nach 15 Jahren Erfahrung haben wir – ein Team von 50 Mitarbeitenden – inzwischen einen recht guten Überblick.

Können Sie uns einige besonders «exotische» Therapie- verfahren nennen, die auf der Methodenliste des EMR eingetragen sind?
Exotisch ist natürlich ein relativer Begriff. Dem Wis­ senschaftler, der sich auf die Evidenz verlässt, wer­ den viele Methoden auf der EMR­Methodenliste exotisch erscheinen. Exotisch im Sinn von «aus­ ländisch» sind sicher die Methoden der asiatischen Medizin. Exotisch im Sinn von «aussergewöhnlich» sind für Schulmediziner wohl die meisten Metho­ den, die in der Erfahrungsmedizin angeboten werden. Unter www.emindex.ch kann man sich übrigens zu allen Methoden, die das EMR vertritt, informieren – und auch gleich einen Therapeuten in der Nähe finden.

Unter Wissenschaftlern und Schulmedizinern gibt es immer noch grosse Vorbehalte gegenüber der Erfahrungsmedizin. Bekommen Sie diese Skepsis bis hin zur Ableh- nung zu spüren?

Eigentlich nicht. Da ich fast 20 Jahre im Vorstand der SGIM aktiv war, ist recht gut bekannt, dass ich eine bekennende Schulmedizinerin bin. Bei meiner Arbeit geht es mir vor allem um den Patienten­ schutz. Aber es ist mir auch wichtig, dass nicht mit vorgefassten Meinungen «exotische» Angebote für kranke Menschen abgelehnt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Erfahrungsmedizin zu einem wesentlichen Teil von chronisch kranken und schul­ medizinisch austherapierten Patienten genutzt wird. Seien wir also froh, dass es solche Angebote gibt, die diese Menschen auffangen und ihnen weitere Mög­ lichkeiten zur Bewältigung ihrer gesundheitlichen Probleme anbieten. Viele Kollegen signalisieren mir im Gespräch, dass sie mit der Erfahrungsmedizin rein gar nichts anfangen können. Oft erlebe ich in der Diskussion dann aber, dass sich die anfänglich deutliche Ablehnung relativiert.

Sie​ wurden dieses Jahr 60 Jahre alt – auch ein Moment, die kommenden Jahre zu planen. Wie sehen die nächsten 15 Jahre für das EMR aus? Wie lange bleiben Sie dem EMR noch treu?

Dem EMR bleibe ich noch lange treu. Die Arbeit ge­ fällt mir, wir sind ein tolles, motiviertes Team. Aber ich werde mich in der kommenden Zeit etwas aus dem Tagesgeschäft zurückziehen und mich mehr der «Aussenpolitik» des EMR widmen. Dafür hat mir in den letzten Jahren etwas die Zeit gefehlt. Zudem haben wir neue Eisen im Feuer, unter den Stich­ worten «EMR Österreich» und «EMR Deutschland». Hier sind spannende Abklärungen im Gang. Seit ich 60 Jahre alt bin, geniesse ich die Arbeit viel mehr, denn ich «muss» nichts mehr, sondern ich wähle aus, was mich interessiert und fasziniert. Und da meine Fantasie nie still steht, ist das einfach toll.

 

Zur Person

Dr. med. Silva Keberle ist Inhaberin und Geschäfts- leiterin der Eskamed AG und der Eskamedia AG. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit Fragen der Qualitätssicherung sowie mit Präventions- und Kommunikationsprojekt​en auf dem Gebiet der Schul- und der Erfahrungsmedizin. Als Ärztin mit einem FMH-Titel in Innerer Medizin hat Silva Keberle in verschiedenen Gremien der Schulmedizin zu- dem grosse Erfahrungen in der Gesundheitspolitik gesammelt.«Qualität heisst: gute berufliche Kompetenz.» Silva Keberle leistet mit ihrem Team im Bereichder Erfahrungsmedizin dazu einen Beitrag.

 

Das Wichtigste zum EMR

Das ErfahrungsMedizinisch​e Register EMR ver­ gibt ein Qualitätslabel für erfahrungsmedizini­ sche Therapeuten. Für die Erfahrungsmedizin, auch Komplementär­ oder Alternativmedizin ge­ nannt, gibt es in der Schweiz keine einheitliche Regelung in Hinblick auf Ausbildung und Be­ rufszulassung. Als unabhängige Institution defi­ niert das EMR seit 15 Jahren einen Qualitätsstan­ dard für diesen Bereich des Gesundheitswesens und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Patientenschutz. Mehr als 40 Schweizer Versi­ cherer nutzen das EMR­Qualitätslabel als Voraus­ setzung, um erfahrungsmedizinisch​e Leistungen im Rahmen einer privaten Zusatzversicherung zu erstatten. Derzeit sind über 19000 Therapeu­ ten beim EMR registriert. Für die Öffentlichkeit bietet das EMR mit dem EMindex ein Internet­ verzeichnis an, mit dem Interessierte schnell und einfach einen Therape

S​chweizerische Ärztezeitung | Bulletin des médecins suisses | Bollettino dei medici svizzeri | 2014;95: 38

  ​
 ​ 
​  
Comments to: EMR und die QUalität in der Komplementärmedizin

Neuste Artikel

  1. Ausländer- & Migrationspolitik
Verfassungsbruch: Die Masseneinwanderungs-Initiative wurde weitgehend nicht umgesetzt! Nicht nur, dass Parlament und Bundesrat einen schändlichen Verfassungsbruch begangen haben. Es gibt auch noch Rechtswissenschaftler, die dies unterstützen mit allerlei Theorien. (Ch. Blocher in Weltwoche vom 26.1.2023)

Bleiben Sie informiert

Neuste Diskussionen




Willkommen bei Vimentis
Werden auch Sie Mitglied der grössten Schweizer Politik Community mit mehr als 200'000 Mitgliedern
Tretten Sie Vimentis bei

Mit der Registierung stimmst du unseren Blogrichtlinien zu