1. Umwelt, Klima & Energie

Geothermie: “Nun heisst es Daumendrücken”

Nationalrätin und “Energiepolitikerin​” Dr. Kathy Ri­klin drückt sie be­reits – die Daumen. Die Präsidentin der Schweizerischen Ver­ei­ni­gung für Geothermie – einer Tech­no­lo­gie, die schein­bar auf Daumendrücken be­ruht, zeigt sich entzückt. Auch un­sere Mi­li­z-­Po­li­ti­ker​ in Bern (meis­tens ohne ent­spre­chende Hoch­schul-­Bil­dung oder fach­li­chen Ab­schluss) zei­gen sich er­freut: “St. Gal­len bohrt wei­ter, der Bund ist erfreut”. Da können wir ja ge­trost unser Haupt zur Ruhe bet­ten, wenn wie­der ge­bohrt wird. Viel­leicht – denn möglicherweise wer­den wir durch hef­tige Erdstösse er­neut aus dem Schlaf (der Ge­rech­ten?) ge­ris­sen, fal­len aber hof­fent­lich nicht aus dem Bett – auf den kal­ten, har­ten, evtl. ge­spal­te­nen Bo­den, denn gemäss of­fi­zi­el­ler Dar­stel­lung sind bei Geo­ther­mie-­Boh­run​­gen wei­tere Beben nicht aus­zu­sch­lies­sen. Oder es fällt uns gleich die Decke auf den Kopf – dann müssten wir uns nicht ein­mal mehr Ge­dan­ken ma­chen. Mit Daumendrücken be­kom­men wir die Ri­si­ken und of­fen­sicht­lich un­ab­seh­ba­ren Fol­gen der Geo­ther­mie zuverlässig in den Griff. An­sons­ten können wir auf die nun aus­ge­spro­chene Ri­si­ko­ga­ran­tie des Bun­des zurückgreifen – was auch immer das be­deu­ten mag. Das un­kri­tisch ge­wor­dene Medien-‘Chörli’ – etwas was diese ‘­Bran­che’ mitt­ler­weile aus­zeich­net – stimmt be­reits wie­der be­reit­wil­lig in die weiterführenden Lobgesänge ein.

“Die Bohranlage drohte in die Luft zu gehen”, hiess es noch am 21. Juli. Mittels Daumendrücken konnte das zuverlässig verhindert werden. Nach dem heftigsten Erdstoss in St. Gallen mit einer Stärke von 3.6 auf der Richterskala folgten noch etwa 25 Nachbeben und es wurden Schäden gemeldet. Vom Bodensee bis ins Appenzell wurde die Bevölkerung aus dem Schlaf gerissen und sogar im grenznahen Ausland spürte man das Erdbeben. Frau Dr. Riklin hat nun mit der St. Galler Bevölkerung gesprochen und eine verbliebene Zustimmung von ca. 60% ausgemacht. Die restlichen 40% gehören dann wohl zu dieser Gruppe: “Wir haben Angst!”. Und damit sind sie nicht alleine. In Basel musste das Geothermie-Projekt abgebrochen werden, weil man bei weiteren Bohrungen und beim späteren, energiewendenden Betrieb des Erdlochs weitere Beben nicht ausschliessen könne. Wissen wir zu wenig über Geothermie und wissen nicht einmal die Geologen (wie Frau Dr. Riklin) welche Unwägbarkeiten in welchem Fall auftreten können? 

Mit Sicherheit. Auch im Ausland mussten Geothermie-Projekte nach Erdbeben und anderen Folgeschäden abgebrochen werden. Ein absolutes Paradebeispiel ist die Stadt Staufen im Breisgau (Baden-Württemberg), wo nach einer Geothermie-Bohrung 2007 weit unter der Erde ein chemischer Prozess ausgelöst wurde, indem vorher getrennte Materialschichten miteinander verbunden wurden. Seither quillt dort der Boden unaufhörlich und zerstört laufend weitere Häuser (oder hier, hier oder hier) – keiner weiss wie lange das noch weitergeht, resp. endlich aufhört. Geologen und ‘Experten’ – die wie in St. Gallen “In den schlimmsten Träumen nicht damit gerechnet” hätten, sind ratlos. Träumen gehört wahrscheinlich in die gleiche Disziplin wie Daumendrücken. Ganz offensichtlich wissen diese Leute einfach noch nicht alles und verfügen auch nicht über die nötige Professionalität und Technologie um solche ‘Störungen’ auszuschliessen. Geothermie ist mit unkalkulierbaren Risiken behaftet und das wird so bleiben. Nur; Erst hätte man sich das nicht in den “schlimmsten Träumen” vorstellen können und dann heisst es wieder “Es wird immer Erschütterungen geben”also was jetzt? Für mich zeugen diese Widersprüche von Inkompetenz und Überforderung. 

Die Oberfläche unseres Planeten und das Meer sind bereits verseucht mit Chemie, Industriemüll, nuklearem Abfall und kumulativ anwachsender Strahlenbelastung – nun ist das Erdinnere an der Reihe. Geothermie und Fracking sind scheinbar die Notnägel der hochgelobten Energiewende. Ich kontaktierte Frau Dr. Riklin bezüglich Geothermie aufgrund folgender Aussage in einem Bericht, direkt nach dem Zwischenfall: Um dem Druck zu begegnen und um eine Explosion der Bohranlage zu verhindern, wurden rund 650 Kubikmeter Wasser und schwere Bohrflüssigkeit ins Loch gepumpt.”. Ich wollte wissen, was “schwere Bohrflüssflüssigkeit​” (auch genannt “schwere Bohrlösung” oder “Füllmaterial”) genau ist und bekam diese Antwort vom Leiter der Geschäftstelle Schweizerische Vereinigung für Geothermie, Roland Wyss: Die St.Gallen verwendete Spülung beruht auf Wasser. Zusätze können sein: Bentonit, Kreide, Kaliumcarbonat, Kalk, Polymer, Baryt oder andere.. Worauf ich von den Projektverantwortlich​en in St. Gallen (Stadtrat Fredy Brunner und Projektleiter Marco Huwiler) wissen wollten, wie sich die Bohrspülung exakt zusammengesetzt hat und was speziell unter “oder andere” zu verstehen ist? Es kam nur eine betupfte Antwort von Stadtrat Brunner, die in der Tonalität zum Ausdruck brachte, dass man sie in Ruhe lassen solle und man in St. Gallen alles im Griff habe – weshalb ich nochmals Dr. Riklin kontaktierte die mir folgendes mitteilte: “Das finde ich nicht gut, wenn Sie keine Antwort erhalten.” – was zwar lieb, aber doch ziemlich naiv ist. Mich interessierte dieser Zusammenhang ganz speziell, weil Herr Roland Wyss mir auch noch mitteilte: Die Bohrung in St.Gallen ist eine konventionelle Tiefbohrung, wie sie in Europa schon viele abgeteuft worden sind, sowohl in der Geothermie als auch für die Erdöl- und Erdgasforschung und –förderung.”. Für mich bedeutet das soviel wie; Die Verdreckung des Erdinneren und der Verbleib von in den Boden gepressten Schadstoffen, ist in der Geothermie nicht anders wie im heftig angeschossenen Fracking, wo bereits Studien vorliegen, dass es u.a. das Trink-/Grundwasser verseucht (z.B. bei einer Verletzung des Bohrkanals oder wenn dieser eben durch ein Erdbeben gebrochen und versetzt weitergeführt wird – was man ja bestätigterweise nie ausschliessen kann). Und das will man weder bei den Projektverantwortlich​en in St. Gallen, noch bei der Schweizerischen Vereinigung für Geothermie klarstellen und stellt sich dumm, unbedarft und lässt interessierte Leute auflaufen. Resignation erwünscht? Hat das dumme Stimmvieh bei den ‘Herren’ nichts zu fragen? Demokratie? Transparenz?

Auch Fracking führt zu seismischen Zwischenfällen und die dort verwendete “Bohrspülung” – genannt ‘Fracfluide’ – ist eine eigentliche Giftbrühe. Dass die zu nutzende Erdwärme aus Geothermie zu 50% aus radioaktiver Zerfallswärme besteht, wird von den bereitwillig Pressemitteilungen übernehmenden Medien auch kaum je erwähnt. Gibt es noch weitere Risikofaktoren bei Geothermie, die kein Mensch kennt? Man weiss es nicht und wird auch nicht aufgeklärt werden, bis etwas gründlich schief geht und Daumendrücken dann auch weh tut, schätze ich ganz einfach mal. Grundsätzlich stelle ich mir persönlich (als Nicht-Geologe) die Frage, ob Geothermie in bergigen Regionen wie der Schweiz, wo z.B. speziell die Alpen ja nur aufeinandergeschobene​ und damit aufgetürmte Gesteinsschichten mit Spannungen sind, ein solches Unterfangen nicht grundsätzlich sehr risikobehaftet ist und es in Gebieten ohne Erhebungen und mit geordnet verlaufenden Sedimenten evtl. ungefährlicher wäre? 

Da ich mich persönlich für Energiefragen interessiere, erkundigte ich mich beim UVEK und BFE zur dort propagierten Energieforschung, mit welcher eine Gruppe, die sich ‘CORE’ nennt, beauftragt sei und man dort einen dreistelligen Millionenbetrag zur Verfügung hat. Das UVEK war unfähig meine Anfrage zu beantworten und das BFE hat mich vollständig ignoriert. Einer Departmentsvorsteheri​n und Bundesrätin Leuthard ist das offensichtlich auch völlig schnuppe – Hauptsache man “bohrt in St. Gallen” und Frau Bundesrätin Leuthard kann sich“erfreut” zeigen. Was die Bevölkerung denkt, interessiert bei den ‘Machern’ niemanden. Das in der Schweiz bestehende Bundesgesetz über das Öffentlichkeitsprinzi​p der Verwaltung (BGÖ) kann man somit vollständig rauchen. Und die Grünen sind auch betriebsblind geworden und welken vor sich hin. Dabei gäbe es im Bereich der Energiegewinnung auch weit nachhaltigere Energiegewinnungsform​en – sogar mit Atomkraft, nicht auf Uran basierend – mit passiven Sicherheitssystem, d.h. dort kann einem nichts um die Ohren fliegen, der Boden wackeln oder vollrussen. Aber auch zu solchen Fragen schweigen UVEK und BFE knallhart – schliesslich haben sie den Lobby-Interessen Rechnung zu tragen und nicht der Bevölkerung. Solchen Leuten kann ich nicht trauen – tut mir leid. 

“No risk – no fun” scheint die Losung der Gallionsfigur Riklin der Geothermie Schweiz – möglicherweise wird sie bald geschwollene Daumen bekommen. Besorgen auch Sie sich noch ein paar Ersatzdaumen – damit Sie sie zur Hand haben, falls Sie sie brauchen… 

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