1. Bildung & Forschung

Gratulation für einen unpopulären Entscheid

Ich gra­tu­liere der Zen­tral­schweiz für ihren Ent­scheid, an zwei Fremd­spra­chen in der Pri­mar­schule fest­zu­hal­ten. Ein star­kes Si­gnal, vor allem auch dann, wenn man ein­ge­ste­hen kann, dass nicht alles op­ti­mal läuft / ge­lau­fen ist. Die ur­sprüng­li­che Idee, dass Kin­der spie­lend und un­be­fan­gen mit Spra­chen in Kon­takt tre­ten sol­len, rührt ja da­her, dass Kin­der sehr wiss­be­gie­rig und offen sind, Neues zu ler­nen. Nur lei­der ist es mit «­spie­lend und un­be­fan­gen» schon lange vor­bei. Der Druck der Wirt­schaft bzw. der Se­kun­dar­schu­len ge­genü­ber dem, was Pri­mar­stu­fen in Sa­chen Fremd­spra­chen den Kin­dern zu leh­ren ha­ben, zielt mitt­ler­weile de­fi­ni­tiv an der ur­sprüng­li­chen Idee vor­bei. Es muss vor allem Vo­ka­bu­lar und Gram­ma­tik (münd­lich und schrift­lich) ge­büf­felt wer­den, damit die Kin­der die Vor­ga­ben der Se­kun­dar­stufe er­fül­len kön­nen. Ein Blick in den ak­tu­el­len Lehr­plan täte da wie­der ein­mal gut, hier steht:

«Die Hauptaufgabe des Französischunterricht​s an der Primarschule besteht darin, die Schülerinnen und Schüler mit altersgemässen Inhalten und Methoden mit der neuen Sprache vertraut zu machen. Viele positive Sprachlernerlebnisse sollen die Grundlage für die Entwicklung der Sprachkompetenz bilden und zu lebenslangem Sprachenlernen ermutigen.

Die vier Grundfertigkeiten Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben werden vielfältig, spielerisch und gezielt geschult und gefördert.

Die Orientierung an klaren Lernzielen und die Feststellung des eigenen Fortschrittes sollen die Lernfreude erhalten und fördern.

Beim sprachlichen Handeln geht es nicht primär um Korrektheit und Perfektion, sondern vielmehr um den freien, flexiblen Einsatz der Sprache.»

Wenn ich als Primarlehrerin sehe, was wir unseren Primarschülern «einpauken» müssen, dann ist nicht primär die Idee des Französisch-Unterrich​ts auf der Primarstufe anzuprangern (denn die wurde ja einmal aus wohl überlegten wissenschaftlichen Gründen eingeführt), sondern die Art und Weise mit welchen Forderungen an die Primarstufe (an Lehrpersonen und an die Kinder) gestellt werden: Korrektheit und Perfektion. Sollte sich eine Lehrperson nicht an diese Anforderungen halten, sehen wiederum viele Eltern die Zukunftschancen ihrer Kinder in Gefahr und machen ihrerseits Druck. Es wird Zeit, dass sich die (Sekundar)-Schulen den Kindern anpassen und nicht umgekehrt!

Leider hat der Kanton Thurgau beschlossen, den Französischunterricht​ auf der Primarstufe abzuschaffen. Ich hoffe, dass hier der Bund noch ein Wörtchen mitredet. Es wäre schade, um die vielen schlauen und motivierten Kids, welche grundsätzlich Freude und den Willen mitbringen, diese schöne Landessprache zu lernen.

Wichtig ist noch anzumerken, dass das Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg in ihrer neusten Untersuchung feststellen konnte, dass ein konzentrierter Lektioneneinsatz nur auf der Sekundarstufe keinen Mehrwert bringt, zudem fühlten sich die Schüler im Fremdsprachenunterric​ht nicht überfordert.

Es wird Zeit, endlich das umzusetzen, was die ursprüngliche Idee des Französischunterricht​s auf Primarstufe war: Die Kinder mit dieser Landesprache (und ich meine auch dem Landesteil) vertraut zu machen, die Lernfreude daran zu wecken und positive Spracherlebnisse zu lancieren. Eine Überarbeitung der Lehrmittel und Methoden würde das Ganze ebenfalls unterstützen. Weniger ist oft eben doch mehr.

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Comments to: Gratulation für einen unpopulären Entscheid
  • April 1, 2016

    Wer anders denkt, dem sind die Kids egal. Wehe, es zügelt eine Familie mit Kindern im Primarschulalter aus einem “tapferen” Verweigererkanton in einen Kanton mit Franz auf Primarstufe. Ihm fehlen diese Kenntnisse. Entweder er büffelt das nach oder er hat keine Chance beim Sek-Übertritt und weniger bei der Berufswahl. Das Volk wollte das anders!

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  • April 1, 2016

    Sehr geehrter Herr Barner
    Sie haben das richtig geschrieben: Das Volk wollte das anders und hat am 21. Mai 2006 der Harmonisierung des Schulwesens zugestimmt, was in der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (2014) unter Artikel 62 nachzulesen ist, bzw. dort steht, das sich der Bund dann eben einmischen wird, wenn es die Kantone nicht schaffen, die Bildungsziele zu harmonisieren. Nun, genügt es erst am Ende der obligatorischen Schulzeit die gleichen Ziele zu erreichen? Wie Sie es andeuten: Schwierig wird es, wenn ein Kind im Zyklus 2 (gemäss Lehrplan 21) den Wohnkanton wechselt und plötzlich Französischunterricht​ hat…… Warum gerade jetzt – in der Phase der Harmonisierung des Bildungswesenes zwischen den Kantonen – einige wieder ausscheren und ihre “eigenen Brötchen backen”, ist für mich nicht nachvollziehbar. Da wäre ein gemeinsamer Entscheid das richtige Statement auch für den Lehrplan 21 gewesen. Nun bin ich gespannt, wie der Bund reagieren wird.

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