Jeden 29. August “feiern” die christlichen Kirchen die Enthauptung (!) Johannes des Täufers – auch 2021. Weshalb?

Die meis­ten Figuren des Neuen Tes­ta­ments er­freuen sich einer schil­lern­den Re­zep­tion in der Tra­di­tion des christ­li­chen Ju­den­tums – vor allem auch Jo­han­nes der Täufer im Königreich Galiläa/Peräa. Wer nicht nur die pit­to­res­ken, sich dem Mar­ku­sevan­ge­lium (Mk 1,6) ver­dan­ken­den Um­stände seines gar nicht so “al­ter­na­ti­ven” Le­bens­wan­dels oder aber die vorerst un­er­klär­bare Szene der “Taufe” Jesu im Jor­dan kennt, son­dern sich ein wenig ge­nauer in das Lu­ka­sevan­ge­lium hin­ein­liest, lernt einen eher un­an­ge­neh­men Zeit­ge­nos­sen ken­nen, den heute wohl der Ver­fas­sungs­schutz unter Be­ob­ach­tung stellen würde:

„Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entkommen könnt?“ (Lk 3,7)

„Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt.“ (Lk 3,9).

Auch mit einem ewigen Feuer, in dem alle nicht ganz so 100%-igen Gläubigen landen werden, drohte Johannes. Diese Drohungen waren vor allem gegen den nicht-jüdischen galiläischen König Herodes von Roms Gnaden gerichtet und kosteten Johannes offenbar den Kopf.

Ges​chichtswissenschaf​​​​​​​​​​​​​​​t​lich gab/gibt es Johannes den Täufer nicht. Es gibt zu ihm nur 1 Sekundärquelle – bei Josephus – aber keine Primärquelle. Also hat er nicht gelebt. Dennoch hat ihm das mittelalterliche Christentum einen Geburtstag (24. Juni, ca. 5 vC!)) und einen Todestag (29. August, ca. 30 nC!) zugeordnet. Der Geburtstag sollte in der Spätantike, als sich das Christentum aus dem Judentum als neue Religion des Römischen Reiches herauslöste, die keltischen Feiern der Sommersonnenwende christlich definieren. Aus den kargen Angaben über Johannes in den Evangelien erdachte die christliche Theologie eine der ersten Hagiographien …

Johann​​​​​​es​ wird in den Evangelien u. a. eine Tätigkeit als “Täufer” zugeordnet. Das Judentum kannte und kennt aber keine Taufe. Das Christentum versteht darunter einen Ritus mit Wasser, welcher der Vornamensgebung dient und die Aufnahme in die Kirchgemeinde besiegelt – bezeugt durch Eltern und Paten. Die “Taufen” durch Johannes werden in den Evangelien nicht erklärt. Es ist aber davon auszugehen, dass man in der Antike wusste, was damit gemeint ist. Von mir aus gibt es zwei Möglichkeiten:

1. In der Antike existierten im heutigen Palästina neben jüdischen Adonai-Kulten immer noch Baal-Kulte sowie u. a. auch ein nicht anerkannter jüdischer Kult in Samaria. Bei Baal-Kulten kamen Taufen vor. Demnach hätte die biblische Johannes-Figur ausserhalb des Judentums gestanden.

2. Im Judentum war es aber offenbar wichtig, das Eintauchen in den Jordan zu bezeugen – so in den Evangelien bei der ebenfalls nicht historischen Figur “Jesus”. Dieser Ritus war nötig, um einen Juden, dessen Vorfahren nicht über den Jordan eingewandert waren, also eigentlich niemand, nachträglich gleichberechtigt zu machen. Es war in der Antike notwendig, jemandem, der an die Macht wollte, die notwendigen Herrschervoraussetzun​​​​​​gen zuzuordnen, so diese “Taufe” im Jordan. Anfangs wird “Jesus” in den Evangelien als Bewerber um den Thron des Hohen Priesters dargestellt. Der Anfang der Evangelien besteht praktisch nur aus Zuordnungen und Bezeugungen von notwendigen Voraussetzungen zum Herrschen, also aus richtiger Wahlwerbung: Prädestiniert durch ein (göttliches) Himmelszeichen (Komet), als unsterblicher Heros gezeugt von einem Gott, Abstammung vom Königshaus der Daviden durch Josef, “getauft” im Jordan, Berufung durch Adonai. Es fehlt nur noch die Salbung vor Antritt des Herrscheramtes, zu der es ja offenbar nicht kam. Diese zweite Version scheint mir am besten in die antike Hagiographie dieses “Jesus” zu passen.

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Die Feiern zur Sommersonnenwende werden heute vor allem in Skandinavien und im Baltikum noch gefeiert – um den 24. Juni, als Mitsommerfest. Meistens wird dabei auch der “Geburtstag” Johannes des Täufers gefeiert. Nur in Schweden ist die Feier rein keltisch geblieben.

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2​7. August 2021

Gelebt hat hingegen Herodes Antipas – von 25/23vC bis 39 nC. Er war einer der Söhne und Thronerbe Herodes des Grossen. Die Politik seines Vaters setzte er mit dem Versuch, jüdische Tradition und hellenistische Kultur miteinander zu verbinden, fort. Sein sehr eng begrenzter Herrschaftsbereich umfasste nur Galiläa und Peräa. Er war ein nichtjüdischer (!) Fürst unter dem Schutze Roms sowie des aufstrebenden Nabatäerreiches. Die Evangelien lassen die Figuren Johannes den Täufer und Jesus den Nazoräer in Galiläa auftreten.

https://w​​​​ww.bibelwissenscha​f​t​.​de/wibilex/das-​bi​be​ll​exikon/lexik​on/​sac​hwo​rt/anzeig​en/d​etai​ls/a​ntipas​-hero​des/c​h/b3c​aa7​aae39c​3e3b8e​4c8ee5​​ea50f9d​2/

Zu​ Beginn seiner Herrschaft liess Herodes Antipas zahlreiche jüdische Widerstandskämpfer töten, und während seiner Herrschaft geriet er u. a. in heftige Konflikte mit dem Sanhedrin, dem Hohen Rat in Jerusalem.

https://www.profil.a​​​​t/home/wer-koenig-​h​e​r​odes-brutaler-h​er​rs​ch​er-spannungs​fel​d-p​ala​estina-ro​m-17​3009​

(In​ den Evangelien wird dem Galiläer “Jesus” auch ein solcher Anspruch auf das Amt des Hohen Priesters in Jerusalem zugeschrieben.)

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