1. Politik Aktuell

Jugendkriminalität in der Schweiz

Die Verurteilungen von Jugendlichen haben sich innerhalb der letzten 64 Jahre mehr als verdreifacht. Bei den Gewaltstraftaten werden sogar sieben Mal mehr Jugendliche verurteilt als damals. Speziell seit 1999 wurde bei den Gewaltstraftaten ein ausserordentlich grosses Wachstum beobachtet. Aus diesen Zahlen kann jedoch nicht direkt geschlossen werden, dass die Jugend tatsächlich krimineller oder gewalttätiger geworden ist. Dieser Text zeigt auf, wie sich die Jugendkriminalität tatsächlich entwickelt hat, was mögliche Gründe sind und was die Parteien dagegen unternehmen wollen.

Entwicklung der Jugendkriminalität

Im Hinblick auf die Jugendkriminalität herrscht Uneinigkeit in der Politik. Ein Teil glaubt, die Jugend werde immer krimineller. Andere glauben, dass heute hauptsächlich mehr Straftaten angezeigt werden als früher und zusätzlich die Jugendkriminalität durch die hohe Medienpräsenz stärker wahrgenommen wird.

Der Grund für diese Uneinigkeit liegt darin, dass die Entwicklung der Jugendkriminalität nicht direkt gemessen werden kann. Mit folgenden drei Komponenten soll jedoch versucht werden, ein umfassendes Bild der Jugendkriminalität zu erhalten: Die Anzahl Verurteilungen pro 100‘000 Jugendliche, die Anzahl Verurteilungen pro Anklage – anders ausgedrückt die Härte des Gerichts – und schliesslich die Anzeigehäufigkeit der Opfer. Diese drei Aspekte werden im Folgenden in einer historischen Betrachtungsweise analysiert. Der Fokus der Analyse liegt auf der Gesamtentwicklung. Es findet keine Unterscheidung zwischen schweizerischen und ausländischen Kriminellen statt. Eine saubere Aufarbeitung dieser zusätzlichen Daten bezüglich aller Faktoren überschreitet den Rahmen dieses Textes. Informationen zu dieser Thematik finden sich im Vimentistext zur Ausländerkriminalität.

Anzahl Verurteilungen

Seit 1946 hat sich die Anzahl der Verurteilungen pro 100‘000 Jugendliche verdreifacht. Als Jugendkriminelle gelten Jugendliche, die im Alter von 10 bis 18 Jahren gegen das Gesetz verstossen haben. Die meisten Verurteilungen betreffen Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren (rund 70% in 2009). Verurteilungen von Jugendlichen wegen Gewaltstraftaten sind seit 1946 mehr als doppelt so stark gewachsen wie die Gesamtzahl der Verurteilungen. Zwar machten sie in den letzten Jahren trotzdem nur rund 10% bis 15% der gesamten Verurteilungen aus. Da für die Opfer Gewaltstraftaten jedoch besonders schwerwiegende Folgen haben, werden wir im Folgenden ausschliesslich auf Verurteilungen wegen Gewaltstraftaten eingehen. Da erst seit 1999 detaillierte Daten zu den Verurteilungen erhoben werden, beschränken wir uns im Folgenden nur auf diesen Zeitraum.


Abb. 1: Anzahl Verurteilungen pro 100’000 Jugendliche, 1999-2009. Quelle: BFS

Wie man in Abbildung 1 erkennen kann, haben sich die Verurteilungen wegen Gewaltstraftaten in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Seit 2007 sind die Verurteilungen jedoch nur noch schwach gewachsen und im Jahr 2009 konnte sogar ein Rückgang um 3% beobachtet werden. Es bleibt aber unklar, worauf dieser genau zurückzuführen ist.

Unter den Verurteilungen wegen Gewaltstraftaten entstehen die meisten aufgrund von Straftaten gegen Leib und Leben. Bei den Delikten gegen Leib und Leben werden vorsätzliche Tötung, schwere und leichte Körperverletzung, Tätlichkeiten, Raufhandel und Angriff zusammengefasst. Trotzdem sind sie nicht alleine für die Zunahme der Verurteilungen verantwortlich. Die restlichen Gewaltstraftaten zeigen eine ähnliche Entwicklung.


Abb. 2: Zusammensetzung der Straftaten gegen Leib und Leben, 2009. Quelle: BFS

Eine detaillierte Betrachtung der Delikte gegen Leib und Leben zeigt, dass sich rund 75% aller Verurteilungen auf einfache Körperverletzungen und Tätlichkeiten zurückführen lassen. Dieser Anteil blieb in den letzten zehn Jahren praktisch konstant. Der Anteil dieser leichten Gewaltdelikte ist in Abbildung 2 ersichtlich. Weiter zeigt sich, dass die Zahl schwerer Gewaltdelikte wie schwere Körperverletzung oder vorsätzlicher Tötung relativ klein ist. Im Jahr 2009 gab es 3 Verurteilungen wegen vorsätzlicher Tötung und 22 wegen schwerer Körperverletzung. Die Anzahl Tötungen erreichte ihr Maximum im Jahr 2005 und ging danach

schrittweise wieder zurück. Die Verurteilungen wegen Körperverletzung sind trotz eines Rückgangs 2009 auf einem deutlich höheren Niveau als noch vor zehn Jahren.

Verurteilungsquote

Die Anzahl Verurteilungen lässt keine direkte Schlussfolgerung auf die Jugendkriminalität zu. Mitentscheidend für die Beurteilung der Kriminalität ist, wie viele Verurteilungen es pro Verfahren gibt. Wenn beispielsweise die heutigen Richter strenger würden und einen Jugendlichen schneller verurteilen als dies noch früher der Fall war, dann würde eine erhöhte Anzahl Verurteilungen nicht zwingend auf eine höhere Jugendkriminalität hindeuten.

Leider gibt es keine Daten, die die Entwicklung zeigen könnten. Es lassen sich aber keine Hinweise dazu finden, dass die heutigen Gerichte strenger urteilen als früher und so einen Einfluss auf die Veränderung der Verurteilungszahlen ausüben.

Anzeigequote

Schliesslich kann neben einer Veränderung der Verurteilungsquote auch ein verändertes Anzeigeverhalten die Anzahl Verurteilungen beeinflussen. Wenn beispielsweise heutzutage die Beteiligten einer Schlägerei auf dem Pausenplatz angezeigt werden, während man früher keine Anzeige erstattete, so erhöht sich die Zahl der Verurteilungen. Ein solcher Anstieg führt dazu, dass die Jugendkriminalität stärker wahrgenommen wird, ohne dass die Jugend krimineller geworden ist.

Gerade für Gewaltstraftaten ist die Anzeigequote von grosser Bedeutung, denn diese Fälle werden nur selten direkt von der Polizei registriert. Da die Anzeigequote nicht offiziell statistisch erfasst werden kann, ist es üblich, sich auf Befragungen zu stützen.

Die zwei wichtigsten Opferbefragungen bestätigen, dass maximal ein Drittel der Verdoppelung der letzten zehn Jahre mit einer Erhöhung der Anzeigequote erklärt werden kann. Eine Schülerbefragung zwischen 1999 und 2007 aus dem Kanton Zürich zeigt, dass die Anzeigebereitschaft gegenüber Gewaltdelikten um rund ein Drittel gestiegen ist.

Die gestiegene Anzeigequote kann somit nur diesen Anteil der vermehrten Verurteilungen erklären. Die Auswertung der nationalen Opferbefragungen weist darauf hin, dass sich die Anzeigequote von jugendlichen Straftätern sogar noch verkleinert hat. Dies würde bedeuten, dass die tatsächliche Jugendkriminalität sogar noch stärker gewachsen ist, als es bereits in den Statistiken ersichtlich ist. Die Auswertung dieser Daten zeigt, dass sich die Jugendkriminalität tatsächlich erhöht hat. Im Folgenden beschreiben wir kurz die Ursachen, die häufig für die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen genannt werden, bevor wir die Vor- und Nachteile der gegenwärtig in der Politik diskutierten Lösungsmöglichkeiten beschreiben.

Ursachen der Jugendkriminalität

Eine Studie zeigt, dass ein besonders starker Zusammenhang zwischen gewalttätiger Jugendkriminalität und dem Wohnen in problematischen Wohngegenden besteht. Der Anteil der Jugendlichen, die im letzten Jahr eine Gewalttat verübt haben, ist für Jugendliche aus einem problematischen Wohnquartier drei Mal höher als für Jugendliche aus einer ruhigen Gegend. Als problematische Quartiere gelten Gebiete, welche unter höherer Kriminalität, mehr Schlägereien, Drogen, Graffitis und leer stehenden Häusern leiden.

Aber auch das Freizeitverhalten, insbesondere bezüglich Alkohol- und Drogenkonsum, hängt stark mit höherer Gewalttätigkeit zusammen. Unter den Jugendlichen, die mehr als zweimal wöchentlich zu Kollegen, an Partys oder einfach abends in den öffentlichen Raum gehen, gibt es durchschnittlich mehr Kriminelle als beim Rest. Dies bestätigt sich in der Studie insofern, als dass sich viele Straftaten nach 20:00 Uhr ereignen. Nach 20:00 Uhr findet auch die Mehrheit der Delikte unter Alkoholeinfluss statt. Bezüglich Alkohol und Drogen zeigt sich, dass Personen mit erhöhtem Alkoholkonsum, Cannabiskonsum und Konsum harter Drogen durchschnittlich zwei bis drei Mal wahrscheinlicher gewalttätige Verbrechen begehen.

Schliesslich besteht auch ein Zusammenhang zwischen gewalttätiger Jugend und dem Ausmass der elterlichen Kontrolle. Jugendliche unter schwacher elterlicher Kontrolle begehen rund doppelt so oft eine Gewaltstraftat wie Jugendliche mit starker elterlicher Kontrolle. Elterliche Kontrolle bedeutet in diesem Zusammenhang nur, ob es Vorschriften zum Ausgehverhalten gibt und ob diese eingehalten werden oder nicht.

Massnahmen

Die meisten Lösungsansätze lassen sich in drei Kategorien einteilen: Vorbeugende Massnahmen, Verbote und ein härteres Rechtssystem. Die Vimentis Umfrage im Jahr 2008 ergab, dass die Bevölkerung sowohl mehr vorbeugende Massnahmen als auch härtere Strafen möchte. Deshalb wird nachstehend vor allem darauf eingegangen, welche Ideen bezüglich Jugendgewalt dazu in der Politik diskutiert werden.

Prävention

Politiker, die sich für mehr Prävention einsetzen, fordern, dass vor allem über die Eltern und die Schule mehr Präventionsarbeit geleistet werden soll. Von staatlicher Seite aus sollen Kurse zur Elternbildung unterstützt werden. Zudem soll die Gewaltthematik in der Ausbildung der Lehrkräfte einen höheren Stellenwert erhalten. Die Schulen sollen flächendeckend Sexualpädagogikunterricht einführen, wobei das Thema sexuelle Gewalt angesprochen wird. Weiter sollen sie Mobbingansätze von Anfang an unterbinden und das Thema Gewalt direkt in ihre Schulordnungen einbauen. Für diese Massnahmen sollen sie Unterstützung vom Staat erhalten. In der Schule sind die Lehrer dazu aufgefordert, konsequent gegen Gewalt einzuschreiten und die Zusammenarbeit mit den Eltern zu verstärken. Schliesslich soll durch die Einführung eines neuen Bundesgesetzes Kindern und Jugendlichen bessere Entwicklungsmöglichkeiten geboten werden.

Die Befürworter von mehr Prävention argumentieren, dass eine wirksame Prävention die Jugendkriminalität im Keim ersticke. Erfahren die Eltern beispielsweise durch die engere Zusammenarbeit mit der Schule bereits früh von Gewalttendenzen, könnten diese am wirksamsten reagieren. Durch ihre mit Kursen geförderte Erziehungskompetenz könnten sie nun ihre elterliche Kontrolle ausbauen und so der Kriminalität entgegenwirken. Wird zudem für gute Ausbildungs- und Zukunftsmöglichkeiten gesorgt, wirke dies dem sozialen Umfeld und damit der Kriminalität entgegen. Gegner wenden ein, dass man auf die Akzeptanz der Präventionsprogramme durch die Jugendlichen angewiesen und der Erfolg somit unsicher sei. Zudem führten die meisten Massnahmen zu Kosten und zu einer unnötigen Verschiebung der Verantwortung von der Familie zum Staat.

Repression

Auf Seiten der Politik mit mehr Repression wird eine Verschärfung des Jugendstrafrechts, mehr Polizei und eine grössere Verantwortlichkeit der Eltern gefordert. Im Jugendstrafrecht soll die Altersgrenze für die Anwendung von Erwachsenenstrafrecht gesenkt werden. Für jugendliche Gewaltstraftäter sollen anstelle von wohltätigen Arbeitseinsätzen auch wieder kurze Gefängnisstrafen von unter sechs Monaten möglich sein. Bei Alkohol- und Drogenkonsum sollen die Minderjährigen bestraft werden. Ergänzend sollen die Eltern für betrunkene oder randalierende Jugendliche haftbar sein. Um eine durchgreifende Strafverfolgung zu garantieren, wird schliesslich eine Erhöhung der Polizeibestände gefordert.

Vorteile eines strengeren Jugendstrafrechts, namentlich der Inhaftierung von Gewaltstraftätern, seien die erhöhte Sicherheit der Bevölkerung und die grössere Abschreckung vor weiteren Straftaten. Mehr Polizisten würden die Abschreckung durch mehr Polizeipräsenz und eine höhere Aufklärungsquote ebenfalls erhöhen. Büsst man die Jugendlichen oder die Eltern bei Delikten im Zusammenhang mit Alkohol, so würde sich die Kriminalität senken. Zum einen würden die Jugendlichen weniger Alkohol konsumieren und zum anderen würden die Eltern ihre Kontrolle stärker ausüben. Beides sind Faktoren mit starkem Zusammenhang zur Gewalttätigkeit. Die Gegner führen an, dass jugendliche Straftäter nach einer Freiheitsstrafe eine sehr hohe Rückfallquote haben. Gelungene Wiedereingliederungen sind selten. In Gefängnissen kommen sie hauptsächlich mit weiteren Straftätern in Kontakt und anschliessend ist es meist schwierig, eine Arbeitsstelle zu finden. Somit kehren sie oft in ein problematisches soziales Umfeld zurück und sind gefährdet, erneut straffällig zu werden.

Fazit

Obwohl sich die Jugendgewaltstraftaten gemäss Statistik und unter Berücksichtigung von Anzeigeverhalten und Verurteilungsquote in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben, sind noch wenige konkrete Lösungen erarbeitet worden. Ein möglicher Grund dafür ist, dass die Ursachen der Kriminalität sehr schwer zu identifizieren sind. Dies wiederum erschwert das Finden und Bewerten von möglichen Lösungen.

Literaturverzeichnis

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Bundesamt für Statistik [BFS] (2007). Zur Entwicklung der Jugendkriminalität. Jugendstrafurteile 1946-2004. Gefunden am 26. Okt. 2011 unter Link

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SVP (2009). Auch das Jugendstrafrecht ist überholt!. Gefunden am 16. Nov. 2011 unter Link

SVP (2009). Jugendgewalt und Ausländerkriminalität: Ursachen und Massnahmen. Gefunden am 20. Nov. 2011 unter Link

Vimentis (2008). Umfrage 2008. Gefunden am 26. Okt. 2011 unter Link

Text_Jugendkriminalitaet.pdf – PDF

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