Die Massentierhaltungsinitiative will per Verfassung die Richtlinien von Bio Suisse aus dem Jahr 2018 bis in spätestens 25 Jahren für Produkte aus Tierhaltung anwenden. Diese beinhalten Bestimmungen zur tierfreundlichen Unterbringung und Pflege, den Zugang ins Freie, die Schlachtung, und die maximale Gruppengrösse pro Stall. Diese Anforderungen würden auch für den Import von Produkten aus Tierhaltung gelten. Ausserdem würde der Schutz der Würde des Tieres in der Verfassung verankert.

Ausgangslage

Der Tierschutzindex bescheinigt der Schweiz eines der weltweit strengsten Tierschutzgesetze. Schon heute dürfen einem Tier nicht ungerechtfertigt Schmerzen, Leid oder Schäden zugefügt werden, oder seine Würde missachtet werden.

Auch werden Landwirtschaftsbetriebe zusätzlich unterstützt, wenn sie besonders naturnah, umwelt- und tierfreundlich produzieren. 2020 lebten 62 Prozent der Nutztiere in einem tierfreundlichen Stall. Bei Kühen, Rindern und Legehennen haben heute 84 Prozent regelmässig Auslauf, allerdings können dies nur die Hälfte der Schweine und weniger als ein Zehntel der Masthühner.

Bei Annahme der Initiative wäre der Auslauf ins Freie neu für sämtliche Nutztiere vorgeschrieben. Etwa 17’000 Bauernbetriebe erfüllen momentan die Anforderungen der Initiative beim Freilauf nicht. Zudem dürften künftig nur noch 2’000 statt 27’000 Masthühner pro Stall gehalten werden. Bei Legehennen wären es 2’000 statt 18’000. Auch Betriebe mit Schweinen, Kühen oder Rindern müssten ihren Bestand verringern, je nach Fläche des Hofes.

Um dem Anspruch der Initiative auch bei ausländischen Produkten gerecht zu werden, gelten die Bio-Vorgaben auch für Importprodukte. Davon sind sämtliche Produkte aus Tierhaltung betroffen, neben Fleisch, Eiern und Käse beispielsweise auch Backwaren oder Süssigkeiten mit Gelatine. Dafür müsste ein Kontrollsystem vom Bund eingerichtet werden.

Die Initiative müsste vom Parlament innert drei Jahren umgesetzt werden, wonach Betriebe Übergangsfristen bis zu 25 Jahre gewährt werden könnten. Als Folge müssten rund 3’300 Betriebe den Tierbestand reduzieren oder ihre Flächen vergrössern. Es entstehen laut Berechnungen vom Bund jährliche Mehrkosten von insgesamt 400 Millionen bis 1,1 Milliarden Franken.

Argumente der Befürworter

Das Initiativkomitee argumentiert, dass Tiere wie Ware zu Tausenden in Hallen zusammengepfercht würden und nur die wenigsten auf die Weide könnten. Es würden Grundbedürfnisse der Tiere nach Platz, Bewegung und Beschäftigung systematisch missachtet.

Auch stärke die Initiative die Gesundheit von Mensch und Tier: die industrielle Tierproduktion führe zu höheren Krankheitsrisiken und somit höherem Antibiotika- und Medikamenteneinsatz. Es existierten bei der Massentierhaltung auch Pandemierisiken. Auch werde durch den tiefen Preis von industriell produziertem Fleisch der übermässige Konsum von Tierprodukten indirekt gefördert, welches zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Übergewicht führe.

Des Weiteren wären nur rund 5 Prozent der Betriebe von der Initiative betroffen, hauptsächlich industrielle, fabrikähnliche Grossbetriebe. Es würden in der Folge Betriebe, die das Tierwohl über wirtschaftliche Interessen stellen, durch die Initiative gestärkt.

Argumente der Gegner

Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab. Die Gegner betonen den gesetzlichen Schutz der Würde und des Wohlergehens der Tiere, argumentieren aber, die Initiative gehe mit der generellen Verpflichtung zu Bio-Standards in der Tierhaltung zu weit.

Die Konsumentinnen und Konsumenten würden in ihrer Wahlfreiheit eingeschränkt, da sie nur noch Produkte mit Bio-Standard kaufen könnten. Gewisse Produkte wären eventuell gar nicht mehr verfügbar.

In der Folge der Initiative würden die Preise für Lebensmittel aus tierischer Herkunft steigen. Es wären insbesondere Konsumentinnen und Konsumenten mit geringem Einkommen getroffen und der Einkaufstourismus würde gefördert.

Auch wäre der nötige Kontrollmechanismus für die Kontrolle der Importe äusserst schwierig und teuer, da in den Herkunftsländern neue Kontrollsysteme aufgebaut werden müssten. Es würden auch internationale Handelsabkommen verletzt, wodurch die Schweiz etwa den vereinfachten Zugang zu internationalen Märkten gefährde.


Diesen Artikel gibt es hier als pdf: Massentierhaltungsinitiative

Quellen

Bundesrat (2022). Erläuterungen des Bundesrates – Volksabstimmung vom 25.09.2022. Gefunden am 08. September 2022 unter https://www.admin.ch/dam/gov/de/Dokumentation/Abstimmungen/September2022/_DE_Erlaeuterungen_September_2022.pdf.download.pdf/_DE_Erlaeuterungen_September_2022.pdf

Bundesamt für Landesversorgung (2022). Volksinitiative «Keine Massentierhaltung in der Schweiz (Massentierhaltungsinitiative)». Gefunden am 08. September 2022 unter https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/das-blv/rechts-und-vollzugsgrundlagen-blv/abstimmungen/massen-tierhaltungs-initiative.html

JA zur Initiative gegen Massentierhaltung (2022). Vier Gründe für ein Ja. Gefunden am 07. September 2022 unter https://massentierhaltung.ch/argumente/vier-gruende-fuer-ein-ja/

NEIN zur unnötigen Tierhaltungsinitiative (2022). Argumente gegen die Massentierhaltungsinitiative. Gefunden am 07. September 2022 unter https://www.massentierhaltungsinitiative-nein.ch/argumente.html

SRF (2022). «Abstimmungs-Arena» zur Massentierhaltungsinitiative. Gefunden am 07. September 2022 unter https://www.srf.ch/play/tv/arena/video/abstimmungs-arena-zur-massentierhaltungsinitiative?urn=urn:srf:video:b8192f07-0750-4e88-bf8c-02b6e34d6bc5&aspectRatio=16_9

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Comments to: Massentierhaltungsinitiative
  • September 13, 2022

    JA zur Massentierhaltungs-Initiative: Echte Liberale müssen das Tierwohl höher gewichten.

    Gegenüber dem Leiden, das plausiblerweise mit der heutigen Nutztierhaltung einhergeht, scheint es nicht übertrieben vorsichtig, wenn die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger an der Urne entscheiden, das öffentliche Gut der Tierwohlfahrt auf ein wenigstens ein bisschen artgerechteres Niveau zu heben. Schon wenn man agnostisch die Wahrscheinlichkeit von relevantem Tierempfinden bei nur fünfzig Prozent ansetzt, lässt sich in Anbetracht des enormen Tierelends, das wir im schlimmsten Fall verantworten, aber auch ohne besonderen Glauben oder Ideologie ein erheblicher Tierschutz begründen.

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  • September 15, 2022

    JA zur Massentierhaltungs-Initiative: Importvorschriften sind umsetzbar!

    Damit der Schweizer Markt nicht mit billigem Importfleisch aus Massentierhaltung überschwemmt wird, müssen auch Importe den neuen Schweizer Standards entsprechen. Mit diesem Passus hilft die Initiative den Bäuerinnen und Bauern, denn diese sind heute einem enormen Druck durch den Markt ausgesetzt. Importvorschriften und -verbote sind WTO-konform, wenn die importierten Produkte nicht mit den moralischen Werten eines Landes vereinbar sind. Sie sind sehr wohl umsetzbar. Wird die Einfuhr minderwertiger Billigware verhindert, stärken wir damit unsere heimische Landwirtschaft.

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  • September 20, 2022

    JA zur Massentierhaltungs-Initiative: Die Initiative fordert eine Selbstverständlichkeit!

    Alle Nutztiere sollen artgerecht gehalten werden und Weide oder Auslauf haben. Denn auf einigen Schweizer Landwirtschaftsbetrieben sieht es nicht so idyllisch aus, wie es uns die Werbung vorgaukelt. Unser Tierschutzgesetz lässt es zu, dass über 100 Kilogramm schwere Schweine auf 0.9 Quadratmeter in einem Maststall auf dem blossen Betonboden dahinvegetieren, ohne je die Sonne zu sehen – kein Auslauf, keine Beschäftigungsmöglichkeit, keine Einstreu: In der konventionellen Nutztierhaltung ist dies nicht vorgeschrieben. Nur jedes achte Nutztier kann regelmässig ins Freie. JA zur Massentierhaltungs-Initiative: Die Initiative fordert eine Selbstverständlichkeit!
    Alle Nutztiere sollen artgerecht gehalten werden und Weide oder Auslauf haben. Denn auf einigen Schweizer Landwirtschaftsbetrieben sieht es nicht so idyllisch aus, wie es uns die Werbung vorgaukelt. Unser Tierschutzgesetz lässt es zu, dass über 100 Kilogramm schwere Schweine auf 0.9 Quadratmeter in einem Maststall auf dem blossen Betonboden dahinvegetieren, ohne je die Sonne zu sehen – kein Auslauf, keine Beschäftigungsmöglichkeit, keine Einstreu: In der konventionellen Nutztierhaltung ist dies nicht vorgeschrieben. Nur jedes achte Nutztier kann regelmässig ins Freie.

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