1. Aussenpolitik

Offener Brief über vimentis an Bundesrat Ignazio Cassis

Sehr ge­ehr­ter Herr Bun­des­rat Cas­sis

Sie nehmen diesen Monat Ihre Arbeit als Bundesrat auf. Es hat mich gefreut, dass ein Tessiner die Wahl in den Bundesrat gewonnen hat. Das Tessin braucht eine Stimme in Bern, da viele Sachen in Bern falsch wahrgenommen werden. Obwohl Sie natürlich Bundesrat für alle Schweizer sind, ist es nach meiner Meinung wichtig, die spezielle Situation des Tessins in Bern kund zu tun. Das haben Sie ja auch ein paar Mal so kommuniziert.

Allerdings haben einige Ihrer Aeusserungen mich nachdenklich gestimmt. Sie sagten, dass Sie das Tessin und vor allem die schweigende Mehrheit vertreten wollen. Ich habe oft Kontakt zu Menschen, die selbst einen kleinen Betrieb haben (KMU) und diese sind ein Teil dieser schweigenden Mehrheit. Leider hat gerade die FDP im Tessin einen immer schlechteren Ruf bekommen. Diese Partei, die vor allem die Banken und grösseren Betriebe unterstützt, lässt das Gros der arbeitenden Bevölkerung ohne Unterstützung. Die FDP ist im Tessin nicht (oder nicht mehr) bürgernah.

Sie haben auch gesagt, dass Sie in Bern die Italianità vertreten wollen. Es geht aber meiner Meinung nach mehr um die Tessiner Mentalität, die kund getan werden sollte, die sich von Italien stark abhebt. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Sie als ehemaliger Italiener eventuell die Tessiner noch nicht so kennen. Aufgefallen ist mir auch, dass Sie, als Sie das Schweizer Bürgerrecht erhalten hatten, die italienische Staatsangehörigkeit abgeben mussten. Dann später, als die Doppelbürgerschaft ermöglicht wurde, haben Sie das italienische Bürgerrecht wieder erworben. Also nicht so wie heute, wenn ein Italiener Schweizer wird, bleibt er automatisch Italiener. Sie haben sich extra um eine Doppelbürgerschaft Ihrerseits eingesetzt. Da taucht die Frage auf, wo stehen Sie wirklich.

DasTessin übernimmt für die ganze Schweiz eine wichtige Funktion. Die Flüchtlingsroute über Italien ist für die Schweiz genauer zu betrachten. Italien, das immer wieder bei der EU Unterstützung sucht, wird dort nicht gehört. Dadurch sind die Kontrollen in Italien kaum vorhanden. So ist es quasi eine Tessiner Angelegenheit geworden Asylsuchende zu kontrollieren, was aber bei der Länge der Grenze (750km) gegen Italien kaum möglich ist.

Zudem hat Italien fast keine Abmachungen eingehalten. Grenzgänger, die gar keine Grenzgänger sein dürften, weil sie ausserhalb der 20km Zone liegen, werden von Italien toleriert. Sie geben den falschen Wohnort an. Die Politiker wissen das und hoffen aber auf die Stimmen dieser falschen Grenzgänger. Ins gleiche Kapitel gehören die Kleinselbständigen (Padroncini) die von Italien Bestätigungen bekommen (damit sie sich im Internet anmelden können) die mehr als fraglich sind. Die FDP ist für mehr Grenzgänger und vergisst Tessiner, die zum Teil auswandern müssen, weil die Arbeit fehlt.

Wie Sie wissen hat die Schweiz etliches an Italien bezahlt ohne versprochene Gegenleistung. Einzig die Tessiner Regierung hat eine Zahlung für die Bahnstrecke Mendrisio – Varese gestoppt und zahlt erst, wenn das Versprechen eingelöst ist.

Bei vielen Politikern in Italien geht es schlicht und einfach um die Wiederwahl (gut bezahlte Jobs). So auch die vielen Bauten ,die auf verbotenem Terrain gebaut worden sind, werden zwar bei Ausländern geahndet, aber bei Italienern nicht. Es Ihnen zu wünschen, dass Ihre Immobilien in Italien nicht darunter fallen, denn Sie sind jetzt kein Italiener mehr und haben kein Wahlrecht in Italien.

Der Beitritt und Austritt bei PROTELL ist etwas suspekt und erinnert an italienischen Stimmenfang.

Sie wurden auch durch die Krankenkassenlobby gewählt. Das ist auch etwas das mich nachdenklich stimmt. Die Prämien steigen. Die Krankenkassen können nach wie vor teure Werbung machen. Telefonterror, Werbung im Fernsehen (Schweizer und deutschen Sendern) und für die höheren Chargen Löhne, die weit über Ihrem jetzigen Bundesratslohn liegen. Wie ist das möglich ?

Viele Leute haben Schwierigkeiten die horrenden Prämien noch zu bezahlen. Schlussendlich muss der Steuerzahler, dann dafür gerade stehen.

Die EU schwächelt (auch wenn Anderes gesagt wird). Brexit: unklare Situation, Griechenland und Italien haben Schulden, die kaum sofort zu bewältigen sind. Deutschland gaukelt Vollbeschäftigung vor, indem sie die unterbezahlten Jobs als Vollbeschäftigte (400 Euro Pro Monat) rechnen, Spanien kommt in eine schwierige Lage mit Katalonien, weil die Katalanen das Geld erwirtschaften. Der Macroneffekt in Frankreich ist schon vorbei. Also die Verträge mit der EU sind genau zu betrachten. Nicht zu schnell etwas unterschreiben und dann rückgängig machen (sh. PROTELL)

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg in Ihrer Arbeit. Erhoffe mir ein demokratisches Vorgehen, das der Schweiz und nicht Italien entspricht und klare Stellungnahme Ihrerseits.

Mit freundlichen Grüssen Otto Jossi

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Comments to: Offener Brief über vimentis an Bundesrat Ignazio Cassis
  • November 2, 2017

    Also mir klappt der Kiefer herunter!Was hat den die Bundesversammlung hier für einen gewählt??!!
    Kriegen jetzt schon “verkappte” Italo-Zuwanderer eine Job als Bundesrat??
    Und nirgends liest man davon!!
    Grundsätzlic​h macht er mir einen sympathischen Eindruck!Nun muss man einfach darauf hoffen,dass er von unserem demokratischen Verständnis derart stark durchdrungen ist,dass er davon vielleicht ein wenig auch in seine alte Heimat überträgt.
    Manchmal wachsen genau solche Menschen über sich hinaus und sind ein Segen für das Land!Denken wir an Leute wie Hajek,Boveri,Brown..u​sw.Sie alle haben das Land weiter gebracht…!
    Lassen wir uns von den Optimisten positiv stimmen und warten mal ab.Eine Chance,es besser zu machen,als sein Vorgänger ist allemal vorhanden.

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  • November 2, 2017

    Lieber Herr Jossi,
    eine gute Idee, dem Tessiner Bundesrat die Palette von speziell im Tessin auftretenden Problemen vorzulegen. Warum nicht? Vielleicht liest er Ihre Anregungen.
    Allerdings glaube ich nicht so recht, dass er in der Rolle als Bundesrat speziell eine “Tessiner Mentalität” der übrigen Schweiz beibringen muss. Was er aber als Italien-Kenner eher könnte, als sein Vorgänger. Den Zugang finden zu Italienischen Politikern – in ihrer Sprache – , um die von Ihnen genannten “Baustellen” in Angriff zu nehmen.

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    • Juli 19, 2021

      Guten Abend Herr Müller
      Ihre Antworten sind immer sehr feinfühlig und nie verletzend. Ich habe mich falsch ausgedrückt, wenn er die Tessiner Mentalität anderen beibringen sollte. Ich meine jedoch, dass er die Tessiner Probleme, die nur marginal wahrgenommen werden, verständlich machen könnte. Es ist zu hoffen, dass er, weil er Italien gut kennt, besser mit den südlichen Nachbarn verhandeln kann.

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  • November 2, 2017

    Es ist tatsächlich befremdend, dass eine historisch so bedeutsame Partei wie die FDP Schweiz, heutzutage nicht in der Lage ist, einen wählbaren Kandidaten für das höchste Repräsentantenamt des Landes aufzustellen, der einfach ein Schweizer ist.

    Zwei von drei Kandidaten sind oder waren bis kurz vor den Wahlen Doppelbürger. Der eine Franzose, der andere Italiener.
    Ich habe die Geste der „Rückgabe“ des Italienischen Bürgerrechts durch Cassis erfreut zur Kenntnis genommen, war aber nach dem feigen und gutmenschen-anpasseri​schen Schleimen im Fall ProTell voll enttäuscht.

    Sie haben schon Recht, Herr Jossi, man wird ihm in Sachen Interessenwahrung zugunsten unseres Landes minutiös auf die Finger schauen müssen.

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  • November 4, 2017

    Und nun, Herr Cassis?

    Die Schweiz hat einen neuen Aussenminister. Ob sie allerdings auch eine Aussenpolitik besitzt, ist noch Gegenstand von Abklärungen. Jedenfalls ist die Neutralität in ihrer hergebrachten Form obsolet.

    Ein Artikel in der NZZ von Herrn Eric Gujer:

    https://www​.nzz.ch/meinung/und-n​un-herr-cassis-ld.132​5621

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  • November 5, 2017

    Sind zwei Pässe opportun?
    Ich glaube nicht.
    Richtig wäre aus meiner Sicht, dass Cassis sich mit einem Pass begnügen müsste.
    Entweder italienisch oder schweizerisch – aber nicht beides.
    Dies sollte natürlich auch für sämtliche Auslandschweizer gelten.

    Andernfall​s könnte man ebenso gut Handel mit Schweizerpässe betreiben. Ganz ähnlich wie Malta, wo sich für, sagen wir 1Mio. jeder Schurke einen Pass, und damit Zugang zum gesamten Schengenraum erkaufen kann.

    Wie der Link zeigt, ist auch ein österreichischer Pass zu erwerben – allerdings ein bisschen teurer.

    So betrachtet würde sich die Abgabe eines Schweizerpasses direkt aufdrängen.
    Abhängig vielleicht mit dem Einkauf in einen Fond für die AHV…

    https://www.a​argauerzeitung.ch/sch​weiz/in-diesen-13-lae​ndern-koennen-sie-sic​h-legal-einen-pass-ka​ufen-oesterreich-verl​angt-millionen-130960​508

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    • Juli 19, 2021

      Cassis hat, Herr Krähenbühl, seine Italienische Staatsbürgerschaft kurz vor der Bundewsratswahl annullieren lassen. Er besitzt also nur noch den Schweizer Pass.

      Immerhin institutionell gesehen, ist er also zu hundert Prozent Schweizer. Ob er das auch im Herzen ist, wird sich in den Jahren seiner Bundesratstätigkeit noch manifestieren. Sein überstürzter Austritt aus ProTell verheisst da nichts Gutes. Das war bereits ein erster Kniefall vor dem mit dem Schweizerischen unvereinbaren EU-Waffentrecht.

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    • Juli 19, 2021

      Sind wir doch mal ein bisschen optimistisch.

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    • Juli 19, 2021

      Ihr Wunsch nach Optimismus in Ehren, Herr Krähenbühl, aber damit ist es nicht getan. Auf die Finger schauen bleibt wichtig.

      Erinnern wir uns an den Oberoptimisten Ogi, der als ultra-EU-Turbo beinahe die Schweiz abgeschafft hätte. (EWR als Trainingslager, Beitrittsgesuch usw).
      Und beim Bergkristall-Schweize​r Ogi konnte man, im Gegensatz zum Wechselbürger Cassis vor seiner BR-Wahl nicht einmal entsprechende Warn-Anzeichen ausmachen…

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  • Dezember 9, 2017

    Es war einer der blödesten und leider auch eingängigsten Sprüche der letzten Monate: Ignazio Cassis erklärte als Nochnicht-Bundesrat, er werde in der schweizerischen Aussenpolitik die Reset-Taste drücken.

    Die Schweiz und die EU: Reset oder Realitätssinn?

    htt​ps://tageswoche.ch/po​litik/die-schweiz-und​-die-eu-reset-oder-re​alitaetssinn/

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    • Juli 19, 2021

      Was, Herr Matt, wollen Sie uns eigentlich sagen mit Ihrer Verlinkung zu einem Anti-SVP-Artikel des Schweizweit bekanntesten SVP-Hassers in einer Kleinstzeitung die extra als Anti-SVP-Blatt gegründet wurde und noch heute defizitär, von einer der reichsten und dekadentesten Pharma-Erbinnen (sonst eigentlich das ultimative Feindbild der Linken Anti-SVPler) zu hundert Prozent finanziert wird?

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    • Juli 19, 2021

      Herr Knall

      Sie bezeichnen Leute als dekadent. Mit Pharma-Erbin meinen Sie Beatrice Oeri.

      Auch die Basler Zeitung ist defizitär. Sie wird von Christoph Blocher finanziert.

      Ihre Aussage, die Tageswoche sei zu hundert Prozent von der Ihnen erwähnten Stiftung finanziert, ist falsch.

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    • Juli 19, 2021

      Ach das wollten Sie uns sagen, Herr Matt!
      Nun denn…

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