1. Sicherheit & Kriminalität

Tödliche Gewalt im waffenlosen China

Der folgende Artikel erschien in pro TELL-info vom Juni 2013. Der Verfasser hat ihn noch um den am Schluss seines soeben abgeschlossenen Chinaaufenthaltes stattgefunden Falles von AMOK mit Benzin ergänzt.


Tödliche Gewalt im schusswaffenlosenChin​a

 

Die Kreise, die unser Land wehrlos machen wollen, benützen jeden Mord, Selbstmord, Amoklauf mit einer Schusswaffe, um zu behaupten, nur der private Besitz von Schusswaffen mache solche Ereignisse möglich, deshalb müsse er verboten werden.  Sie wollen nicht sehen, dass die menschliche Natur auch das Potenzial zum Zerstörerischen hat, und dass sie das Problem ist. Wer andere oder sich töten will, findet immer einen Weg. Kain erschlug seinen Bruder und in einer weit zurückliegenden Vergangenheit wurden ganze Völker ohne Schusswaffen ausgelöscht. China diene als heutiges Beispiel, denn die chinesische Bevölkerung darf keine Feuerwaffen besitzen.

 

Dieser Artkel befasst sich mit tödlicher Gewalt in China. Daraus darf aber keinesfalls der falsche Schluss gezogen werden, China sei davon überdurchschnittlich betroffen. Im Gegenteil, als totalitärer Staat mit einem grossen Sicherheitsapparat gehört China eher zu den sicheren Ländern.

 

Wie auf der ganzen Welt gibt es auch in China Amokläufer. In den letzten paar Jahren hat deren Zahl rasch zugenommen, wahrscheinlich als Folge der immer grösseren Spannungen in der chinesischen Gesellschaft. Jedenfalls ist das u.a. die Meinung von Ji Jianlin, Professor für klinische Psychologie an der Fudan Universität in Shanghai. Er nennt als Hauptgrund für Amokläufe, die sich sehr oft gegen Kinder, die schwächsten Glieder eines Volkes richten, „Soziale Rache“.

 

Wie macht man einen Amoklauf ohne Schusswaffe? Meistens werden Messer, Fleischerbeile, Hammer und Hacken benützt. Aber es gab auch Sprengstoffanschläge und zu Anfang dieses Jahres benützte ein Amokläufer sogar sein Auto  als Waffe. Er fuhr absichtlich in 28 Kinder eines Kindergartens. Wieviele der Schwerverletzten starben, stand nicht in der Zeitung.  

 

Mitte Juni 2013 benütze ein Amokläufer, der sich und möglichst viele Menschen umbringen wollte, 10 Liter Benzin als Waffe. Er goss es in einem mit 90 Menschen besetzten öffentlichen Bus aus und brachte es zur Explosion. 47 Menschen, darunter der Amokläufer, verbrannten, 38 wurden teils schwer verletzt in Spitäler gebracht. Nur 5 konnten sich retten.

 

Zur Konkretisierung hier eine kleine Auswahl aus zahlreichen Beispielen der letzten drei Jahre. Dabei ist zu beachten, dass die lokalen Behörden solche Fälle oft zu vertuschen versuchen. So sollen z.B. laut der Global Times vom 16. Januar 2013 die lokalen Behörden in Shuangyashan versucht haben, nach einem Sprengstoffanschlag, bei dem 11 Menschen getötet und zahlreiche verletzt wurden, durch Bestechung und Bedrohung das Bekanntwerden das Falles zu verhindern.


Ein Amokläufer erstach 8 Kinder einer Primarschule in Nanping mit dem Messer und verletzte zahlreiche andere. Ein anderer schlug zahlreichen Kindern eines Kindergartens  in Weifang mit einem Hammer den Schädel ein, dann verübte er Selbstmord, indem er sich mit Benzin übergoss und verbrannte. In Zibo erstach im August ein Amokläufer 3 Kinder eines Kindergartens und verletzte 20 weitere und einige Erwachsene teilweise lebensgefährlich. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde in einem Kindergarten in Hanzhong mit einem Fleischerbeil 9 Menschen, darunter 7 sechsjährige Kinder tot geschlagen und weitere 11 Menschen schwer verletzt. Ein Mann wurde hingerichtet, weil er 8 Primarschüler bei ihrer Schule in der Fujian Provinz ermordet hatte.


Wie bringen sich in China Leute, die mit dem Leben nicht mehr zurechtkommen, ohne Schusswaffen um? Sehr „beliebt“ ist der Sprung aus dem Fenster. Als vor wenigen Jahren APPLE seine 35’000 Arbeitsplätze in den USA auflöste und nach China verlegte, wurden bei den Fabriken für die mehrheitlich weiblichen Arbeiter Schlafsilos gebaut.  Dort leben sie in winzigen 8-er-Zimmern mit je vier doppelstöckigen Betten in einer eigentlichen „Käfighaltung“. Die Firma hielt sich nicht einmal an die chinesischen Gesetze. Die teils 14-jährigen Arbeiterinnen und Arbeiter hatten bis zu 60 Wochenstunden (statt der zugelassenen 49)  zu arbeiten, oft ohne den gesetzlichen freien Tag, bei Stundengehältern um 1.29 Franken. Da viele der jungen, völlig rechtslosen Wanderarbeiter vom Land (es gibt deren rund 250 Millionen!) der Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und dem ungeheuren Stress nicht gewachsen sind, versuchen viele, wie überall in China, Selbstmord durch Sprung aus dem Fenster zu begehen.  Bis auch um diese neuen Schlafsilos, auf der Höhe des ersten Stockes grosse, horizontal nach aussen reichende Netze aufgespannt waren, um die Selbstmörder aufzufangen, hatten sich alleine dort schon 28 junge Menschen mit einem Sprung durchs Fenster das Leben genommen.


Auch Kader der kommunistischen Partei Chinas wählen gelegentlich den Sprung aus dem Fenster – laut Bekannten oft mit Hilfe der Polizei. „Selbstmord“ ist dann die offizielle Version. In ihrer On-line Ausgabe vom 18.02.2013 hat die kommunistische chinesische Tageszeitung Global Times eine Liste mit Namen, Stellung und weiteren Details von 24 leitenden Funktionären veröffentlicht, die  zwischen Februar 2009 und Februar 2013 „Selbstmord“ begangen hatten. Laut dem Blatt sprangen 16 zum Fenster hinaus, 5 erhängten sich, 1 warf sich vor den Zug, 1 schlitzte sich die Schlagader auf und bei einem ist die Methode nicht bekannt. Es wurde auch die offizielle Version für den Grund zum „Selbstmord“ genannt:  Die Hälfte soll Depressionen gehabt haben.  Die Zeitung fügte dazu den erstaunlichen Kommentar an, das Publikum und die Medien seien davon nicht überzeugt. Sie forderten eine seriöse Untersuchung und glaubwürdige Informationen. Der Vorteil dieser „Selbstmorde“ ist offensichtlich: Statt den Kaderleuten wegen Verfehlungen den Prozess zu machen, bei dem das Volk immer wieder Einblicke in die umfassende Korruption in der Partei erhalten würde, kann die Partei so ihr Bedauern über den unerklärlichen Verlust eines wertvollen Mitgliedes ausdrücken.


Das eigentliche Verbrechen ist grossenteils in der Hand von Hunderten von bewaffneten Triaden, d.h. weit in die Vergangenheit zurückreichenden Banden mit je bis zu 20’000 Mitgliedern und archaische Ritualen, die wie z.B. die Mitglieder des italienischen organisierten Verbrechens, zusätzlich zu ihren angestammten Tätigkeiten (Diebstahl, Prostitution, Geldwäsche, kriminelles Kreditwesen, Menschen- und Drogenhandel) bereits gut in die formelle globale Wirtschaft integriert sein sollen.

 

Jährlich sollen in China mehrere tausend Schwerverbrecher hingerichtet werden. Diese Zahl gibt die Grössenordnung von Gewaltverbrechen wieder. Laut chinesischen Gewährsleute sollen in den Gefängnissen ausserdem viele langjährige Gefangene –  als „Selbstmörder“ getarnt – ermordet werden, weil  es sich für den Staat bzw. korrupte Gefängnisbeamte um ein sehr lukratives Geschäft handle. Die Organe aller Hingerichteten werden entnommen und von den staatlichen Spitälern gegen teures Geld verwertet. Der soeben zurückgetretene Premierminister Wen Jinbao versprach kürzlich, dass dieses „Geschäftsmodell“ bis 2015 eingestellt werden soll.

 

Gotthard Frick, Bottmingen

 

Quelle​n:  Gespräche des Verfassers in China, China Daily und Global Times, beide Beijing;  BBC;  Amnesty Int’l; mehrere Seiten von Wikipedia.org;  oxfordjournal.org/53/​27276  abstract; Frankfurter Allgemeine 30.03.2013; WELT 31.03.2013.

 

 

 

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