1. Sicherheit & Kriminalität

Von Vietnam lernen

z.Zt. Bei­jing, 14.10.2013

Von Vietnam lernen!

Seit Jahrzehnten ist Vietnam ein unabhängiges Land. Das war nicht immer so. Ab 1858 war es eine französische Kolonie, während des 2. Weltkrieges wurde es von den Japanern besetzt, dann nach deren Kapitulation 1945 auf Grund eines Beschlusses der drei alliierten Grossmächte Grossbritannien, Sowjetunion und USA durch chinesische und englische und dann französische Truppen wieder besetzt.  Schliesslich versuchten die USA, es in einem langen Krieg unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die Vietnamesen führten einen jahrzehntelangen Kampf für ihre Unabhängigkeit, zuerst gegen Frankreich, dann gegen die USA,  den sie gegen diese beiden, ihnen wirtschaftlich und militärisch haushoch überlegenen Mächte gewannen. Sie gewannen, weil sie zu ungeheuren Opfern bereit waren und Jahrzehnte lang, auch nach Niederlagen, durchhielten. Aber vor allem gewannen sie, weil sie innerlich nicht schon im Voraus kapituliert hatten und das damit begründeten, sie hätten ohnehin gegen Grossmächte keine Chance. Sie stellten sich diese Frage schon gar nicht. (Sowenig wie die Finnen oder Griechen, die einzigen, der zu Beginn des 2. Weltkrieges von der Sowjetunion bzw. den Achsenmächten angegriffenen Länder, die nicht schon vor Ausbruch der Kämpfe demoralisiert waren und innerlich kapituliert hatten. Sie leisteten deshalb sehr lange gegen eine erdrückende Übermacht erfolgreich Widerstand). 

Diese Tage wurde der militärische Führer dieses erfolgreichen Befreiungskampfes Vietnams, General Vo Nguyên Giáp, zu Grabe getragen. Schon jung hatte er seinen Vater verloren, der nach Beteiligung an einem Aufstand 1919 in einem französischen Gefängnis in Vietnam starb, wie kurz darauf eine seiner ebenfalls verhafteten Schwestern und wie später seine auch von den Franzosen verhaftete erste Frau, während dem er untergetaucht war.

Die trotz Unterstützung durch die Sowjetunion und China bei der Ausrüstung den USA weit unterlegenen Vietnamesen kompensierten diese Unterlegenheit mit übermenschlichen Anstrengungen ihrer Soldaten, und in den Schlachten und Gefechten mit dem Einsatz riesiger Massen von Kämpfern, was zu gewaltigen Verlusten führte. Als General Giáp vorwurfsvoll darauf angesprochen wurde, soll er in etwa geantwortet haben, es würden ohnehin auch auf natürlichem Weg täglich viele Menschen sterben und im Befreiungskampf spielten die zu erbringenden Opfer keine Rolle.  Er hatte erkannt, dass das menschliche Leben zeitlich ohnehin beschränkt ist und dass, wenn das Überleben des Volkes, seine Würde und Unabhängigkeit auf dem Spiel stehen, das Volk wichtiger ist als der Einzelne.

Spätere Generationen von Nachkommen von uns heutigen Schweizern werden sich wohl fragen, wie es möglich war, dass unser, einen in der Weltgeschichte noch nie gesehenen Wohlstand geniessendes Volk, das bisher weltweit als das friedliebendste aber gleichzeitig wehrhafteste wahrgenommenen wurde, seine achtunggebietende Armee mit ihrem einmaligen Mobilmachungssystem und der praktisch unverwundbaren Einlagerung der Ausrüstung in nur wenigen Jahren zerstören konnte. Oder sind es gerade die vielen friedlichen Jahren in unserer unmittelbaren Nachbarschaft  und die durch den Wohlstand bei vielen geschaffene masslose Anspruchshaltung und ausgelöste Abnahme der Bereitschaft, für die Gemeinschaft Opfer zu bringen, die uns blind gemacht haben für geschichtliche Erfahrungen und die Natur des Menschen? Sind wir so verwöhnt und satt, dass wir unfähig sind, in längeren Zeiträumen zu denken und so das Risiko eingehen,  falls es doch zu einem Krieg in Europa kommt, ihn nicht mehr wie in der Vergangenheit von unserem Land fernhalten zu können, sondern wehrlos seiner ganzen Bestialität ausgesetzt zu sein?

Gotthard Frick, z.Zt. Beijing

(Quellen: wikipedia.org/wiki/Vo​_Nguyen­_Giap und eigene Erinnerungen)

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