1. Umwelt, Klima & Energie

Was Sie schon immer über das Restrisiko wissen wollten

In der Atom­kraft (aber auch an­dern­orts) gilt: Es gibt ein sehr klei­nes Ri­siko (man hofft, sie bemühen sich…), dass ein sehr gros­ser Un­fall passiert.

Wie geht man mit solchen Fällen um?

Die einen sagen: Das Risiko ist so klein, dass es eigentlich Null ist. Also ist Atomenergie kein Problem.

Die anderen sagen: Die potentiellen Unfallfolgen sind so verheerend, dass auch nur der Hauch einer Chance, dass er eintritt, komplett unakzeptabel ist. Ausserdem haben wir kein Vertrauen, dass die, welche behaupten, es gäbe kein Problem, sich auch mit letzter Konsequenz bemühen, das Risiko klein zu halten.

 

Aber wie gross ist es nun wirklich?

Gemäss Richtlinien der internationalen Atomenergie-Agentur muss eine Atomanlage so gebaut sein, dass sie eine Natur- oder sonstige Katastrophe übersteht, die einmal in 10‘000 Jahren auftritt. Die Schweizer Regelung ist ähnlich geartet, ausser dass sie für die Kombination aller möglichen Naturkatastrophen gilt. Was heisst das?

Es gibt weltweit knapp 1000 zivile Reaktoren. Wenn sich alle an die Regeln halten, und die 10‘000-jährigen Risiken richtig einschätzen, so gibt es im Schnitt alle zehn Jahre ein GAU. Irgendwo. Das ist der akzeptierte, vorgesehene Preis für die Kernenergie.

Und, wieviel bezahlen wir wirklich?

Aus rund 60 Jahren Atomgeschichte fallen mir die folgenden sechs Fälle von Kernschmelzen ein:

–        1969 Lucens, Schweiz

–        1979 Harrisburg, USA

–        1986 Chernobyl IV, UdSSR/Ukraine

–     ​   2011 3x Fukushima Daiichi, Japan

Das passt soweit recht gut. Nur:

–        Wohl alle diese Umfälle gehen mindestens teilweise nicht auf Naturkatastrophen, sondern auf Fehlverhalten. Das ist in der Risikorechnung nicht einmal wirklich drin. Das heisst einerseits: Offenbar ist die Annahme falsch, dass sich die Betreiber auch wirklich immer an die Sicherheitsregeln halten. Das ist menschlich, aber es ist ein zusätzliches Risiko in einer technikorientierten Umgebung, die davon ausgeht, dass der Mensch immer korrekt handeln kann, wenn er nur gut genug vorbereitet ist.

–        Kennen wir denn auch wirklich unseren 10‘000-jährigen Risiken? Was wissen wir nach 100 Jahren Erfahrung mit der Flugtechnik von 10‘000-jährigen Flugzeugabstürzen? Was wissen wir von Überschwemmungen, die seit der letzten Eiszeit einmal aufgetreten sind? Von Erdbeben, die sich vor Erfindung von Schrift und Steinbau das letzte Mal in Mitteleuropa zugetragen haben? Was wissen wir über das Verhalten von AKW-Personal und Konfliktparteien, wenn am Reaktorstandort ein Krieg tobt? Und wieviele Kriege hatten wir in den letzten 10‘000 Jahren?

Schlussfolge​rung: Wir haben vermutlich viel, viel Glück gehabt, dass wir bisher nicht mehr schwere Kernunfälle hatten. Wir wissen nicht, wieviel Glück. Aber wir wissen, dass wir es nicht abonnieren können.

 

Nachsatz 1:

Bei weltpolitischen Fragen hat die Schweiz in der Vergangenheit ziemlich viel Erfolg damit gehabt, sich hinter ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Bedeutungslosigkeit zu verstecken, sich wegzuducken, die Geschichte auszusitzen und zu warten, bis sonst jemand eine Lösung an die Hand genommen hat. So sehr, dass nun viele denken: schön ruhig bleiben, dann trifft der nächste Unfall sicher wieder einen anderen – die Franzosen, oder die Chinesen, oder sonst ein atomares Grossmaul. Man beachte, dass man sich vor Statistik schlecht wegducken kann.

 

Nachsatz 2:

Obiger Artikel geht nur um das Unfallrisiko des AKWs. Er fragt nicht, wie sehr wir uns auf die Republik Niger als Uranlieferant verlassen können. Nicht, wie lange und zu welchem Preis die Franzosen in La Hague und die Russen in Majak bereit sein werden, unseren Müll aufzubereiten, und welche Folgen dies auf die Umwelt dort hat. Er sagt auch nichts über die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die NAGRA in den nächsten 40 Jahren mehr todsichere und politisch willkommene Endlager findet als in den letzten 40 Jahren. Und nichts über die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit den 5 Mia. im Stillegungsfonds den Rückbau unserer vier AKWs auch bezahlen können, der nach deutscher Erfahrung rund 20 Mia. pro Stück kostet.

 

Was ist zu tun?

Das atomare Risiko ist nicht gottgegeben, der Ausstieg ist nicht prinzipiell schwierig und in zehn Jahren gut machbar. Wichtig ist: in zehn Jahren, wenn man ihn einmal ernsthaft angeht – von selbst geschieht nichts. Der jetzige Bundesratsbeschluss ist kaum das Papier wert, auf dem er steht – er kann je nach Wetterlage wieder umgestossen werden, Umsetzungsmassnahmen sind kaum definiert und folglich steht die Stromindustrie untätig an der Seitenlinie und wartet, was weiter passiert.

–        Der Atomausstieg braucht einen Verfassungsartikel, nicht zuletzt als Investitionsschutz für diejenigen, welche in Alternativenergien investieren. Die Grünen haben deshalb eine entsprechende Volksinitiative eingebracht.

–      ​  Die billigste Alternativenergie ist die eingesparte. Sparen hat zudem das kleinste Technologierisiko. Sparen wird am besten über eine Lenkungsabgabe gefördert. Wobei Abgabe ein ziemlich unpassendes Wort ist: Abgeben tut nämlich nur der, welcher verschwendet. Wer Energie clever nutzt, kriegt heraus.

–        Keine Alternativenergie kann die heutigen Grosskraftwerke alleine ersetzen. Und soll auch nicht. Schliesslich wollen wir nicht neue Abhängigkeiten schaffen. Am besten ist von allem ein bisschen: Wind, Solar, Biogas und Biomasse, Wärme-Kraft-Koppelung​, Wasserkraft (Trinkwasser turbinieren statt Niederdruckventile!),​ Geothermie, international Osmose und Gezeiten – es gibt viele Energiegewinnungsmögl​ichkeiten, und eine passt fast überall.

–        Der Energieumbau braucht eine attraktive staatliche Förderung, die aber zeitlich begrenzt ist. Der Staat soll nicht noch  wie bei der Atomkraft Jahrzehnte später für Risiken und Folgekosten aufkommen, die längst bekannt sind und internalisiert sein müssten.

–        Förderprogramme sollen auch für Klein- und Kleinstanlagen offen stehen. Jeder soll eigenverantwortlich zur Produktion der selber verbrauchten Energie beitragen können. Dies fördert das Energiebewusstsein, erschliesst lokales Potential und vermindert die Abhängigkeit von gezwungenermassen unflexiblen Grosskonzernen.

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Comments to: Was Sie schon immer über das Restrisiko wissen wollten
  • September 20, 2012

    Sehr geehrter Herr Kästli
    1. Harrisburg und Fukuschima waren Unfälle, genauer gesagt Kernschmelzen, die aber nicht mit dem Unfall in Tschernobyl zu vergleichen sind. Bei ersteren gab es keinen einzigen Todesfall, bei letzterem sehr wohl. Die ersten beiden Unfälle wurden zwar beide durch menschliches Versagen verursacht, zeigten aber, dass die Sicherheitsbehälter auch eine Kernschmelze sicher einschliessen konnten. Die Berichterstattung über die Unfälle war extrem einseitig und überzogen.

    2. Alternative Energien und Energiesparen werden sich als nicht wirksam erweisen. Das ist homöophatie in der Elektrizitätsversorgu​ng.

    3. Die Schweiz braucht neue Reaktoren der 4. Generation. Der “Atommüll” von heute kann die Schweiz für Jahrzehnte mit Elektrizität versorgen. Daher sollte man (noch) kein Geld für Endlager ausgeben sondern für die Entwicklung z.B. von DMRS Reaktoren (Denatured Molten Salt Reactors)oder LFTR (Lithium Fluid Thorium Reactor). Das sind Flüssigsalzreaktoren,​ die inhärent sicher sind. Es kann dann z.B keine Kernschmelze geben, da diese Reaktoren mit in geschmolzenem Salz gelösten Uran, Plutonium und in Zukunft Thorium arbeiten. Ausserdem arbeiten sie bei normalem Druck und nicht, wie die bisherigen Reaktoren unter sehr hohem Druck.
    Wer dazu mehr Informationen braucht siehe unter http://www.energyfromthorium​.com und lese die dort empfohlene Literatur. Leider gibt es alle diese Informationen praktisch nur in Englisch.
    Diese Technik wird sowieso kommen, denn China hat scih sehr stark darin engagiert. Die Schweiz hätte z.B in Kooperation mit Frankreich und/oder Tschechien, oder auch mit Gruppen in den USA oder Russland beste Chancen diese äusserst umweltfreundliche, zukunftssichere Elektrizitätsversorgu​ng bis zum Abschalten aller alten Reaktoren zu entwickeln. Sonst wird sie mit Sicherheit von China gekauft werden können.

    Grüsse
    Ax​el Ziegler

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    • Juli 19, 2021

      Sehr geehrter Herr Ziegler,

      1. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Unfällen, einmal abgesehen davon, dass alle mit einer Kernschmelze verbunden waren. Bedenklich ist, dass bei allen auch menschliches Versagen im Spiel war, ein Faktor, der in unseren technikgläubigen Risikoabschätzungen nicht einmal vorgesehen ist.

      2. Zur “Homöopathie der Alternativenergien”:​

      Der Anteil der Kernenergie an der Stromproduktion der Schweiz beträgt 39 %

      Um einmal das Potential einiger Alternativen abzuschätzen:

      a) Strom sparen.
      Es gibt bereits heute zu jedem Gerät, das Sie in ihrem Haushalt besitzen, eine Alternative, welche ohne Verlust an Lebensqualität denselben Job für mit 30% weniger Energie erledigt. Jetzt verfügbare Geräte, nicht Luftschlösser! Sie werden sowieso die meisten Geräte in den nächsten 10 Jahren ersetzen. Hier stellt sich nur die Frage: wählt man dann stromsparende Alternativen, oder wählt man sie nicht?

      b) Wärme-Kraft-Koppelung​:
      Heute werden jährlich Oel und Gas für 75TWH Wärmeenergie verbrannt.
      Wenn man nur für einen Viertel davon (den Rest darf man gerne durch andere Wärmequellen ersetzen 🙂
      über eine Wärme-Kraft-Koppelung​ laufen lässt, unter Annahme eines steinzeitlichen Wirkungsgrades von 25%, so kann man damit 7.8% des Strombedarfs decken (Zahlen basierend auf Gesamtenergiestatisti​k BFE).
      Macht man dasselbe für Biogas und Kehricht (Potential gemäss entsprechendem Bericht des Bundesrates vom August diesen Jahres), so kommen nochmals 2% hinzu.

      c) Für Geothermie sieht der Budesrat ein Potential von 7,3%, für Windenergie eines von 6.8% (wobei sich bei Geothermie wohl über mehr als 10 Jahre hinziehen wird). Windenergie hat heute international Gestehungskosten von rund 7 Rp/kWh. Auch wenn die Produktionskosten in der Schweiz wohl eher bei 12 Rp./kWh sind, so ist dies immer noch weit unterhalb der 25-30 Cents, welche die US-Regierung 2009 als Gestehungskosten für Strom aus ihren geplanten 45 neuen Atomreaktoren rechnet.

      d) Photovoltaik schliesslich hat gemäss Bundesrat auf der bestehenden überbauten Fläche ein technisches Potential von rund 30% des Energiebedarfs. Dass kurzfristig nur ein Drittel davon realisiert werden kann, ist unerheblich, wenn Sie mitgerechnet haben, sehen sie, dass dies sowieso nur noch für den Export ist…

      Die Schweiz ist übrigens prädestiniert für zeitlich variabel anfallende Alternativenergien. Mit der installierten Pumpspeicherkapazität​ können wir bereits jetzt nicht nur für uns, sondern für halb Europa Strombank spielen.

      3. Damit zum alten Traum von der sauberen Atomenergie.
      Beachte​n Sie, dass alle Potentialschätzungen zu “Alternativ”energie​n auf bestehenden, heute am Markt verfügbaren Techniken basieren.
      Das ist biedere Realpolitik, und wir sind nicht einmal Vorreiter darin, wir brauchen bloss den Beispielen von Deutschland, Oesterreich und Dänemark zu folgen. Leider ist das nicht so spannend DMRS, LTFR und andere 4th generation Reaktordesigns, von denen erst bunte Werbebroschüren bestehen und die man bis 2030 vielleicht entwickeln zu können glaubt, wenn sie dann noch jemand haben will. Radioaktiv sind sie nämlich alle auch. Dafür gibt es reale Energie und jede Menge Arbeit für das einheimische Gewerbe statt für AVREA und ROSATOM.

      Herzliche​ Grüsse,

      Philipp Kästli

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