Diese, sehr stark wei­ter be­ar­bei­tet, endgültige Ver­sion ging an alle Mit­glie­der des Bun­des­ra­tes, die Bun­des­kanz­ler und Vi­ze­kanz­ler, alle Mit­glie­der der Ar­mee­spitze und an viele Zei­tun­gen. Sie wird gegenwärtig noch an zah­lei­che an­dere Empfänger geschickt.

Ich wollte an sich den vorherigen Artikel bearbeiten und durch diesen ersetzen. Aber das funtioniert auf vimentis leider nicht.

 

WELCHE ARMEE BRAUCHEN WIR?

(Weiterbearbeit​ung von EINE MILITÄRDOKTRIN DER ILLUSIONEN)

 

 1. GRUNDSÄTZLICHES.

Kein potenzieller Feind unseres Landes hätte je zu hoffen gewagt, unsere Armee ohne massive Gewaltanwendung so zerschlagen zu können, wie wir das in wenigen Jahren selber getan haben und immer noch tun. Man hätte sie zwar etwas verkleinern dürfen, aber dabei nicht alles zerstören sollen, was ihre Stärken waren.

1.1. Keine abschreckende Armee und keine strikte Neutralität mehr!

Die beiden, heute ernsthaft erkrankten Zwillingsschwestern unserer Aussenpolitik – unsere, früher dank strikter Neutralität absolute Friedfertigkeit und eine starke Landesverteidigung – wurden weltweit, auch bei vielen einfachen Menschen, als einmalig, beispielhaft und glaubwürdig empfunden und haben der Schweiz international ein sehr hohes Ansehen gebracht. Auf Grund früherer, leider nicht mehr gültiger Vorstellungen, wird da und dort immer noch angenommen – manchmal sogar im heutigen China, wie der Verfasser zu seinem grossen Erstaunen verschiedentlich erfuhr – alle Schweizer Männer und Frauen seien bereit, im Falle eines Angriffes für Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen, und wir mischten uns grundsätzlich in keine fremden Händel ein. Aber was die Generalstäbe bedeutender Mächte schon wissen, muss man unserem Volk laut und deutlich sagen: Wir haben heute keine Armee mehr, die einen Krieg vom Land fern halten kann. Laut internationalem Neutralitätsrecht wären wir verpflichtet, im Kriegsfall den Kriegsparteien den Einbezug unseres Landes und unseres Luftraumes in ihre Operationen zu verwehren. Diese internationale Verpflichtung können wir heute nicht mehr erfüllen. Dazu kommt – wie der Verfasser schon in der ASMZ hervorgehoben hat – dass sich die Schweiz an der „Partnerschaft für den Frieden“ der NATO beteiligt, was wohl kaum mit der Neutralität vereinbar ist, denn unter den nicht zum westlichen Lager gehörenden Staaten sieht zumindest China die NATO und deren regionale Partnerschaften als Instrument der USA zur Durchsetzung von deren strategischen Interessen. Glaubt man Clifford A. Kiracofe, ehemaligem leitenden Mitarbeiter des US Senate Committee on Foreign Relations, so sehen die USA das selber auch so. (Global Times, 26.02.2013.)

2 1.2. Kosten-Nutzenrechnung​en vor Entscheiden zum Angriff.

Auch grosse Mächte stellen Kosten-Nutzenrechnung​en vor Entscheiden über Angriffe auf andere Länder an und fragen sich, ob der Preis, den sie damit gewinnen wollen, die Kosten rechtfertige. Jeder, der gegenwärtig die Nachrichten liest, hat gemerkt, dass selbst die militärisch immer noch so mächtigen USA auf Grund der horrenden Kosten von Feldzügen, wie z.B. diejenigen im Irak und Afghanistan, mit Interventionen zurückhaltend geworden sind.

Unmittelbar vor und nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges haben die Generalstäbe von Deutschland und Frankreich Kosten-Nutzen-Überleg​ungen darüber angestellt, ob es sich für ihre eigene Armee lohnen würde, den Feind durch die Schweiz anzugreifen. Sie haben sich aber auch überlegt, ob es sich für ihren Feind lohnen würde, ihr eigenes Land durch die Schweiz anzugreifen. Beide Generalstäbe kamen auf Grund der Stärke der Schweizer Armee und dem schwierigen Gelände zum Schluss, es lohne sich weder für die eigene noch für die Armee des Feindes. Die Joint Chiefs of Staff Grossbritanniens prüften das ebenfalls für beide Parteien und meinten aus denselben Gründen ebenfalls, es lohne sich weder für Frankreich noch für Deutschland. Der deutsche Generalstabschef Halder bemerkte dazu noch in seinem Kriegstagebuch, eine Umgehung der französischen Front „durch eine unverteidigte Schweiz wäre eine verlockende Möglichkeit“.

Wörtlich wurden z.B. im 2. Weltkrieg in einer deutschen Angriffsplanung als erster „Preis“ die „wichtigen Nord-Südverbindungen​“ (Gotthard, Lötschberg- Simplon) mit ihrer Stromzufuhr, und erst an zweiter Stelle eine halbwegs intakte Schweizer Wirtschaft und „ferner unzerstörte Kraftwerke und Eisenbahnen“ genannt. Nur sie bildeten „einen angemessenen Preis für eine bewaffnete Intervention in der Schweiz“. Im Plan wurde die Bedeutung dieser Nord-Südverbindungen​, d.h. der Alpentransversalen, noch mit den Worten hervorgehoben: „Erst ihr uneingeschränkter Besitz bedeutet einen klaren militärischen Sieg über die Schweiz“. Dann wird die Schlussfolgerung gezogen: „Die Bezwingung der sich erbittert verteidigenden Truppen im Hochalpenreduit wird eine schwer zu lösende Aufgabe darstellen.“

1944, als die Alliierten lange in Frankreich stecken blieben, forderte Stalin sie ultimativ auf, die deutsche Front durch einen Angriff durch die Schweiz zu umgehen. Die oberste militärische Führung der inzwischen so mächtigen US Streitkräfte prüfte diese Option und kam zum Schluss: „Die Schwierigkeiten des Geländes und die anerkannte Fähigkeit der kleinen, aber effizienten Schweizer Streitkräfte im Kampf auf ihrem eigenen Boden würden ein solches Projekt zweifelhaft machen“. Auch die Amerikaner schätzten offensichtlich die Kosten eines Angriffes durch die Schweiz als zu hoch ein.

Mit den obigen und weiteren Beispielen aus dem 2. Weltkrieg, die im Folgenden in dieser Arbeit auch genannt werden, soll nicht die damalige Zeit besprochen, 3 sondern gezeigt werden, welche Überlegungen vor der Auslösung von Angriffen auf andere Länder angestellt werden, bzw. welche Zwänge auch die Optionen grösserer Mächte einschränken. Kosten-Nutzenüberleg​ungen werden angestellt werden und die Zwänge bestehen, solange es Kriege gibt. Es wäre viel gewonnen, wenn unser Volk verstehen würde, dass vor einem Angriff solche Überlegungen angestellt werden, und dass keine noch so grosse Macht unbeschränkte Möglichkeiten hat, bzw. dass sie ihre Mittel auch für andere, wichtige Aufgaben bereit halten muss.

Unser Bestreben müsste es sein, dafür Sorge zu tragen, dass die Kosten- Nutzenrechnung immer zu unseren Gunsten ausgeht und wir dadurch den Einbezug unseres Landes in einen Krieg verhindern können.

Aber je mehr die WEA, also die Weitere Eliminierung der Armee, fortschreitet, desto geringer wird ein potenzieller Angreifer in Zukunft seine Kosten, dagegen umso grösser seinen Nutzen einschätzen, da eine Besetzung schnell und ohne grosse Zerstörungen und eigene Verlust möglich ist und ihm dann unsere Wirtschaft und das Verkehrsnetz weitgehend funktionstüchtig zur Verfügung stehen. Die Generalstäbe einiger zukünftiger potenzieller Angreifer werden dankbar den Ausverkaufspreis vorgemerkt haben, den wir ihnen für einen Angriff anbieten.

1.3. Die Realität des Krieges.

Ein abschreckende Armee und eine Kultur der absolut dem Frieden verpflichteten Wehrhaftigkeit, wie wir sie früher hatten, können nur über lange Zeiträume aufgebaut werden. Da sich unser sattes Volk nicht bewusst ist, was Krieg wirklich bedeutet und ihm auch nicht gezeigt wird, wie eine zukünftige kriegerische Bedrohung aussehen könnte, glaubt es angesichts des in Europa schon lange herrschenden Friedens, dass dieser Zustand auf alle Zeiten so bleiben werde und der persönliche Einsatz der Bürger und Bürgerinnen und die Mittel für eine glaubwürdige Landesverteidigung nicht mehr notwendig seien.

Alle die Scheusslichkeiten der letzten 75 Jahre bis hin zu den jüngeren Konflikten im Kosovo, also in Europa, und den gegenwärtigen barbarischen Metzeleien im Mittleren Osten und in Zentralafrika, sind für viele Schweizer quasi Szenen aus einem Horrorfilm, den wir aus einem komfortablen und sicheren Zuschauerraum mit genüsslichem Grauen anschauen können, bevor wir zu einem guten Nachtessen gehen.

Muss man wirklich mit schrecklichen Beispielen aus der Wirklichkeit in Erinnerung rufen – ohne auch noch von den gefallenen Soldaten und den flächendeckenden Zerstörungen zu reden – dass in dieser geschichtlich sehr kurzen Vergangenheit, bis jetzt, wo diese Zeilen geschrieben werden, viele Millionen von wehrlosen, unschuldigen Menschen vergast, erschossen, bei lebendigem Leib begraben, verbrannt, erhängt, zu Sklavenarbeit in Minen und Fabriken verschleppt wurden, dass rasende Soldaten zehntausende junger Frauen tagelang 4 vergewaltigt und dann umgebracht haben, indem sie ihnen Pfähle oder zerbrochene Flaschen durch die Vagina in den Unterleib stiessen? All diese und viele andere Bestialitäten haben Menschen anderen Menschen auf Grund von Hass, aus Rache oder wegen erlebtem Unrecht und Demütigungen angetan und tun sie ihnen bis heute an. Zu welchen Greueltaten würden die Menschen in Europa fähig werden, welchen „Führern“ würden sie folgen, sollte z.B. der gigantische Schuldenberg zusammenbrechen und zu einer allgemeinen Verarmung und Chaos führen? Wer kann eine solche Entwicklung ausschliessen? 

Es ist unverständlich, dass der Bundesrat und die eidgenössischen Parlamentarier 5000 Jahre Geschichte und die menschliche Natur ignorieren, die uns gezeigt haben, dass auch nach längeren Phasen des Friedens immer wieder Kriege oder andere Formen grossflächiger Gewaltausbrüche stattfinden, und dass das Spektrum der menschlichen Natur vom Grossartigen, Schöpferischen, Menschlichen, bis zum Niederträchtigen, Zerstörerischen und Barbarischen reicht. Je nach den äusseren Umständen bricht sich die positive oder negative Seite Bahn.

2. MILITÄRDOKTRIN DER SCHWEIZER ARMEE

In der No. 2/2013 der Military Power Revue, dem Fachmagazin der Schweizer Armee, haben 5 Autoren den gegenwärtigen Stand und die Perspektiven der „Militärdoktrin der Schweizer Armee“ dargestellt. 2.1. Ein nicht umsetzbarer Auftrag

Die hier folgende Kritik richtet sich nicht an diese Fachleute oder das VBS. Sie haben ihre Pflicht getan und versucht, innerhalb der strangulierenden Vorgaben von Bundesrat und Parlament loyal den unrealisierbaren Auftrag auszuführen, eine Landesverteidigung auszudenken, die den verfassungsmässigen Auftrag erfüllen kann. Das erklärt die Tricks, mit denen sie das erreichen wollen, weil das Ziel mit den verfügbaren Mitteln nicht erreicht werden kann. Es spricht für ihre Kompetenz, dass sie indirekt immer wieder durchschimmern lassen, dass an sich andere Rahmenbedingungen erforderlich wären, und dass sie auf die mit dieser „Sicherheitspolitik“ verbundenen Risiken hinweisen.

2.2. Die WEA, die Weitere Eliminierung der Armee

Die bisher bereits stattgefunden bzw. Weitere Eliminierung der Armee (WEA) wurde von anderer Seite schon eingehend kritisch kommentiert. Hier nochmals kurz die wichtigsten Abbruchstellen:

• Unser weltweit einmaliges, einfaches, billiges und fast nicht auszuschaltendes Mobilmachungssystem wurde zerstört. Heute ist die Rumpfarmee nur nach vielen Monaten teilweise einsatzbereit. Laut Meldungen soll anscheinend vorerst für 1500 Mann wieder ein rascheres System eingeführt werden.

• Die Armee wurde massiv zusammengestutzt und grosse Teile der Rumpfarmee sind sogar nicht einmal für den Kampf, für einen kriegerischen Einsatz vorgesehen. • Die Rumpfarmee kann heute nicht mehr voll ausgerüstet werden. Das erinnert an die chinesische Armee im Koreakrieg, als nur die erste Welle der Angreifer ausgerüstet war und die jeweils folgenden Wellen die Waffen der gefallenen Soldaten aufnehmen musste, um kämpfen zu können.

• Entgegen jeder militärischen Grundregel wurde die vorher dezentralisiert und deshalb fast unzerstörbar gelagerte Ausrüstung in fünf grossen Logistikzentren konzentriert, deren genaue Lage allgemein bekannt ist, auch jedem fremden Generalstab. Mit anderen Worten, die Ausrüstung der Armee kann plötzlich und schlagartig aus grosser Distanz ausgeschaltet werden, noch bevor ein Krieg angefangen hat. Sie soll anscheinend im Rahmen der WEA wieder etwas dezentralisiert werden.

• Die Tausenden, von zwar zerstörbaren, aber mit wirkungsvollen Waffen ausgerüsteten Kampfanlagen wurden und werden weiter aufgegeben. Der von einem Gegner berechnete, materielle und zeitliche Aufwand allein für das Ausschalten eines Teils derselben hätte vor einem Entscheid über einen Angriff seine Kosten-Nutzenrechnung​ stark belastet, vielleicht unter dem Strich zu einem Verlust und deshalb Verzicht auf eine Angriff geführt. Befände sich unser Feind auch noch mit anderen Mächten im Krieg, was sehr wahrscheinlich ist, so bräuchte er solche Bunker knackenden Waffen auch anderswo. Das würde seine Kosten-Nutzenrechnung​ noch stärker belasten.

(In einer deutschen Angriffsplanung des 2. Weltkrieges wurde sehr deutlich ausgedrückt, dass Mittel, die an einer Stelle eingesetzt werden, dafür andernorts fehlen. Es wurde darauf hingewiesen, dass praktisch von sämtlichen deutschen Fronten Divisionen für den Angriff auf die Schweiz abgezogen werden müssten. Dann wird auf die Konsequenzen hingewiesen: „Durch den Angriff auf die Schweiz wird deshalb zeitweilig eine weitgehende Schwächung der zur Abwehr von Landungen der Westalliierten bestimmten Kräfte eintreten. Auch bedeutet der Abzug der mit dem Ostkrieg (gegen die Sowjetunion, der Verf.) vertrauten Truppen eine gefährliche Einbusse an dieser Front“.)

• Grosse Bestände an Kampfgerät – Panzer, kampfwertgesteigerte Schützenpanzer u.a. – wurden entweder ins Ausland verkauft oder verschrottet. Wie ein Kritiker zu Recht bemerkte, wird wohl niemand alte, nicht mehr ganz leistungsfähige Feuerwehrautos verschrotten, bevor neue einsatzbereit sind.

6 2.3. Denkbare kriegerische Bedrohungen

Es würde den Rahmen dieser Beurteilung der Militärdoktrin sprengen, näher auf denkbare kriegerische Bedrohungen einzugehen. Es sei aber daran erinnert, dass eine neue Weltordnung im Entstehen ist. Wie sie aussehen wird, ist noch nicht absehbar. In solchen Zeiten des Umbruchs fanden öfters Kriege statt. Asien, allen voran China mit dem kaufkraftbereinigt weltweit höchsten Militärbudget, Indien, in Europa Russland, aber auch viele andere Staaten rüsten stark auf. Die USA, immer noch die grösste Militärmacht, hat ihr Hauptinteresse von Europa weg neu auf den Pazifik fokussiert. Alte und neue Spannungen, wie z.B. um die Schaffung und Führung von Einflusssphären, um die Souveränität über Territorien, um die Beherrschung von Ressourcen (Wasser, landwirtschaftliche Böden, Rohstoffe), um die Migration, um die immer stärkere Verseuchung von Luft, Wasser und Boden, zwischen arm und reich, und viele andere verstärken sich gegenseitig. Schlafende Vulkane, wie die nicht mehr auf ordentlichem Weg zu tilgenden gigantischen Schulden, könnten explodieren und bei den betroffenen Menschen rasch zu extremen Stufen von Wut und Empörungen führen, die ihrerseits wieder Treibstoff für Kriege liefern.

2.4. Fragwürdige Prioritäten bei den Aufgaben der Armee

In der Reihenfolge der Aufgaben, die die Armee laut Militärdoktrin übernehmen soll, steht die Landesverteidigung am Schluss. Das spricht Bände.

Friedensförderung

Das zuerst genannte Argument, wir bräuchten ein Instrument für „friedensfördernde Einsätze im Ausland“ , ist wirklich keine Begründung für eine Armee. Es ist nicht eine Aufgabe der Schweiz, Interventionstruppen zu unterhalten und in der Welt herum zu schicken, damit sie dort im Auftrag der „OSZE“ oder der „Weltgemeinschaft“ für „Ruhe und Ordnung“ sorgen. Diese Aufträge dienen oft der Durchsetzung westlicher Interessen, trotz Tarnung mit populären Gründen, wie es in Libyen der „Schutz von Menschenleben“ war. Um bei Libyen zu bleiben: China hält sich bei solchen, vom Westen beantragten Einsätzen der „Weltgemeinschaft“ noch zurück. Es folgt damit wohl dem Ratschlag seines grossen Reformers, Deng Xiaoping, der empfohlen hatte, nicht aufzufallen, bis China stark genug sei, um seine Sicht mit Nachdruck zu vertreten. In Zukunft dürfte das erstarkende China, und wohl auch Russland, militärischen Einsätzen zur „Friedensförderung“ nur noch in seltenen Fällen zustimmen, womit ein Einsatz von Schweizer Truppen, sofern unser Land weiterhin als neutral wahrgenommen werden will, ohnehin meistens völlig ausgeschlossen wäre.

(Es sagt viel über die heutige SPS, dass sie die deutsche „Studiengruppe Alternative Sicherheitspolitik“ mit der „Expertise Verantwortung und Schutz“ zur Schweizerischen Sicherheitspolitik beauftragt hat und die dort vorgeschlagenen „friedensfördernden“ Auslandeinsätze Ende 2011 als Begründung für eine nur noch auf Zeit tolerierte internationale Schweizer Interventionstruppe von 50’000 Mann als Grundlage ihrer eigenen „Sicherheitspolitik“ genehmigt hat. Diese Freiwilligenarmee soll laut Studie nicht mehr „defensor“ unseres einmaligen Landes sein, sondern „protector“ anderer Staaten werden).

Militärische Unterstützung ziviler Behörden

Auch die in der Militärdoktrin unter dem Titel „Militärische Unterstützung ziviler Behörden“ für einen Militäreinsatz an zweiter Stelle genannten Gründe sind kein Argument für eine Armee. Alle diese Aufgaben, z.B. Hilfe nach Erdbeben und anderen Naturkatastrophen, könnten nach Erlass der entsprechenden Gesetze und der entsprechenden Vorbereitungen spezialisierten, rasch mobilisierbaren zivilen Korps (z.B. aus Mitarbeitern und Gerät von Baufirmen) übertragen werden. Selbst die Polizei liesse sich im Hinblick auf mögliche Massengewalt durch dafür vorbereitete Kräfte jeweils rasch verstärken.

Verteidigungskompet​enz statt Verteidigungsfähigkei​t.

Es gibt keine andere Begründung für eine starke Armee, als die Landesverteidigung und dort an vorderster Stelle – als Hauptziel – die Verhinderung des Einbezuges der Schweiz in einen Krieg oder in grossflächige, gewaltsame Unruhen in unserer Nachbarschaft.

Unter dem letzten Titel, „Verteidigung“, bestätigt die Doktrin, dass wir keine Armee mehr haben, denn sie soll nicht mehr die Fähigkeit haben, kämpfen zu können, sondern nur noch über die Kompetenz zum Kampf verfügen, d.h. sie muss nur noch wissen, wie man kämpfen würde, hätte man die Zeit zur Vorbereitung und die personellen und materiellen Mittel dazu.

Dazu die Militärdoktrin wörtlich:

Die „Verteidigungsfähigke​it wird nur nach einem politischen Entscheid sowie einer längeren Vorbereitungszeit erreicht“. Es soll nur noch „eine kleine Zahl den Erhalt und die Entwicklung des für die Abwehr eines militärischen Angriffes notwendigen Know-hows garantieren“.

(1942 wurde in einer deutschen Angriffsplanung ausdrücklich davor gewarnt, nur von der Zahl der jeweils im Dienst stehenden Schweizer Soldaten für die Berechnung der für einen Angriff benötigten deutschen Kräfte auszugehen, sondern vom Gesamtbestand der Schweizer Armee, da die demobilisierten Wehrmänner bei einem Angriff sofort wieder kampffähig seien. Auch später 8 war diese Verteidigungsfähigkei​t noch intakt und ganze Regimenter konnten gegen Ende des letzten Jahrhunderts, nachdem die Soldaten noch mit ihren Familien gefrühstückt hatten und dann einrückten, am späteren Nachmittag des gleichen Tages in den Bergen ein scharfes Gefechtsschiessen mit Artillerie- und Fliegerunterstützung​ durchführen.)

„Zusatznutzen“ einer Armee

Hat man dagegen ohnehin eine starke Armee, die über viele Fähigkeiten und Material verfügt, kann man von ihr quasi als Zusatznutzen die Unterstützung ziviler Behörden, z.B. nach Erdbeben, und in den in der Militärdoktrin genannten, sehr eng begrenzten Fällen durchaus auch „friedensfördernde“ Auslandeinsätzen fordern. Aber eine umkehrte Begründung für eine Armee gibt es nicht. Unser Volk hat das sehr klar erkannt. Angesichts der verwirrenden Auftragslage ist es verständlich, dass die Wehrmänner bei der kürzlichen SMS-Befragung durch den CdA ihren Beitrag zur Sicherheit unseres Landes in Frage stellten.

Was die Friedensförderung betrifft, müssen wir uns immer bewusst sein, dass die UNO von den Grossmächten zur Durchsetzung von deren Interessen manipuliert wird. Auch kann man sich fragen, ob sich die neutrale Schweiz grundsätzlich nicht auf anderem Wege und wirkungsvoller für die Friedensförderung einsetzen kann, als über die Armee. Niemand, ausser den USA und der NATO, die uns ohnehin einbinden wollen und die dabei vom Bundesrat unterstützt werden, würde ihr das vorwerfen.

Im Kriegsfall hätte die Schweiz das Problem der „ungenügenden Wehrtiefe“, wie in einer deutschen Angriffsplanung des 2. Weltkrieges bemerkt wurde. Damit war gemeint, unser Staatsgebiet sei so klein, dass das ganze Land zum Schlachtfeld werde. Die Folgen eines Krieges seien deshalb für uns verheerender als in vielen anderen Ländern. Diese zutreffende Beurteilung müsste an sich ein weiterer Grund sein, alles zu tun, um einen Krieg vom Land fern halten zu können.

2.5. Anpassung der Verteidigungsfähigkei​t an die Sicherheitslage?

Richtigerweise soll laut Doktrin der Nachrichtendienst die Entwicklung der Sicherheitslage laufend erfassen und beurteilen. Auf Grund der Beurteilung soll dann die Verteidigungsfähigkei​t angepasst, d.h. bei einer Verschlechterung der Lage, erhöht werden. Man darf annehmen, es gelinge unserem Nachrichtendienst, Veränderungen der allgemeinen Sicherheitslage wahrzunehmen.

Aber es ist eine Illusion zu glauben, Bundesrat und die Mehrheit des Parlamentes würden solche Beurteilungen der Sicherheitslage, die ja nichts anderes als Interpretationen von Informationen sind, also Meinungen von Mitarbeitern des Nachrichtendienstes, dannzumal akzeptieren, d.h. sie hätten dann einen Gesamtüberblick und würden strategisch denken, und nicht nur punktuell und kurzfristig wie heute.

Selbst wenn die Politik die Einsicht hätten, dass die Verteidigungsfähigkei​t rasch erhöht werden muss, müsste sie bereit sein, die wegen der vorausgegangenen Vernachlässigung kurzfristig zusätzlich benötigten gewaltigen finanziellen Mittel bereit zustellen, die für das Schliessen der Lücken, das Schaffen der Verteidigungsfähigkei​t und den Aufbau einer wesentlich grösseren Armee in kurzer Zeit nötig wären. Falls in einer solchen Lage andere Länder ihre Verteidigung auch verstärken, wird u.U. die benötigte Ausrüstung gar nicht erhältlich sein. Zudem müssten zahlreiche weitere Männer und Frauen ausgebildet werden, damit die Armee genügende Bestände hat, um einen längeren Aktivdienst mit seinen Ablösungsdiensten durchzuhalten. Diese müssten mehrere Monate lang der Wirtschaft entzogen werden. Schliesslich müsste die allgemeine Wirtschafts- und Finanzlage die kurzfristigen Anstrengung auch noch ermöglichen. Es ist eine Illusion anzunehmen, dass dieses Szenario umgesetzt werden könnte.

Sollte sich die Verschlechterung der Sicherheitslage dagegen so konkret und schnell manifestieren, dass sie sogar für unsere Bundesräte und Parlamentarier nicht mehr zu leugnen wäre, wie das z.B. vor dem 2. Weltkrieg innerhalb von nur 6 Jahren bis zum 2. Weltkrieg mit der Remilitarisierung des Rheinlandes, den antijüdischen Ausschreitungen, dem Anschluss Österreichs, der Zerschlagung der Tschechoslowakei und dem bei Null angefangenen Aufbau einer grossen modernen Armee und Luftwaffe durch Hitler war, dann sind angesichts des Zustandes der Armee alle denkbaren Anstrengungen zur Erhöhung der Kampffähigkeit ohnehin illusorisch, weil sie viel zu spät kämen. Sie könnten bestenfalls – wie vor dem 2. Weltkrieg – einige Lücken teilweise verkleinern, falls das fehlende Material dann überhaupt noch erworben werden kann.

2.6. Nicht vorhersehbare feindliche Schläge

Bisher redeten wir nur von längerfristigen Entwicklungen. Aber die bedeutenden Mächte haben heute die Möglichkeit, aus dem Stand überraschende strategische Massnahmen zu ergreifen, oder vernichtende, punktuelle Schläge über grosse Distanzen auszuteilen. (Die USA arbeiten gegenwärtig an einer Waffe, die in der Lage sein soll, innert einer Stunden irgendwo auf der Welt ein Ziel zu erreichen und zu zerstören).

Es ist eine Illusion zu glauben, der Nachrichtendienst könne solche strategischen Massnahmen oder gezielte Schläge im Voraus erkennen. Mit der Zerstörung unseres Mobilmachungssystems und der extremen Konzentration der Ausrüstung in allgemein bekannten, leicht zu zerstörenden Logistikzentren, haben wir ja selber dafür gesorgt, dass wir dann nur noch hilflos zuschauen können, wie unsere Ausrüstung innert weniger Augenblicke überraschend zerstört wird und wir militärisch handlungsunfähig werden. Früher erschwerten die rasche Mobilmachung und die sofortige Übernahme ihres dezentralisiert gelagerten Materials durch die Kampfverbände einem Gegner die rasche Zerstörung des Materials zusätzlich. Heute hat er viel Zeit, einen unvorhersehbaren Schlag auf die ihm gut bekannten Ziele vorzubereiten.

Zwei Beispiele für überraschende Aktionen aus jüngerer Zeit belegen das:

Man darf getrost um einen grossen Betrag wetten, dass kein Nachrichtendienst im voraus erkannt hat, dass China überraschend eine Flugsicherungszone in einer spannungsgeladenen Region einführen werde. Südkorea hat dort inzwischen mit einer eigenen nachgezogen, die sich teilweise mit den von Japan und China gleichzeitig beanspruchten überlappt. Das hat, quasi über Nacht, zu einer gefährlichen Erhöhung der Spannung im pazifischen Raum geführt.

Seitdem Putin wieder Präsident von Russland ist, hat er bereits mehrmals grosse Teile der Streitkräfte – ohne irgend eine Voranzeige – alarmiert. Bedeutende Verbände haben sich aus dem Stand über tausende von Kilometern verschoben, Raketen wurden in Marsch gesetzt und mussten von der Luftverteidigung abgefangen werden, zahlreiche Flugzeuge und Schiffe waren im Einsatz. Alle Nachrichtendienste haben diese Aktionen wohl erst im nachhinein erkannt. Mit diesem Hinweis soll nicht unterstellt werden, Russland plane gegenwärtig einen Angriff. Aber später könnten eine derart auf Sofortaktionen getrimmte Armee auch einen überraschenden Angriff auslösen.Die Beispiele zeigen uns sehr deutlich, wie illusorisch es ist, mit langen Zeiträumen für die Wiederherstellung bzw. Erhöhung der Kampffähigkeit zu rechnen.

2.7. Illusion militärische Verteidigung. Unser vergebener Trumpf.

Die in der Doktrin dargestellte „militärische Verteidigung“ ist wegen der ungenügenden Grösse der Armee und der anderen genannten Schwächen eine weitere Illusion. Wie könnte sich ein Angriff abspielen? Anfänglich z.B. aus Distanz mit überraschend ausgelösten, kurzen, sehr intensiven Cyberwar-, Raketen- und Luftangriffen um mindestens unsere Elektrizitätsversorgu​ng und die Telekommunikation auszuschalten, d.h. das Land zu lähmen, und die wenigen Logistikzentren der Armee mit punktuellen Schlägen zu zerschlagen. Da die Armee ohnehin nicht innert kurzer Zeit mobilisiert werden kann und nach dem Schlag gegen die Logistikzentren über keine Ausrüstung mehr verfügen wird, kann ein Angreifer dann in Ruhe den Angriff auf unser wehrloses Land durchführen.

Wir hätten an sich einen Trumpf, den wir aber im Rahmen unserer Illusionen vom ewigen Frieden vergeben haben: Unsere Alpentransversalen. Die Militärdoktrin bestätigt das mit der Feststellung, der „Hauptteil der Aktionen dürfte sich im Mittelland“ abspielen“

Für die meisten unserer potenziellen Feinde, oder ihre Verbündeten, sind die Alpentransversalen in einem Krieg von überragender strategischer, und im später wieder einmal eintretenden Frieden, von zentraler gesamteuropäischer wirtschaftlicher Bedeutung. Falls wir sie verteidigen und zerstören könnten, könnten wir verhindern, ausschliesslich aus dem Weltall und der Luft gelähmt und ausgeschaltet zu werden, wie vor einigen Jahren Serbien. Wir hätten die Möglichkeit, die meisten Gegner mit der Drohung zu erpressen, die Alpentransversalen derart nachhaltig zu zerstören, dass sie jahrelang, also auch im nachfolgenden Frieden, nicht mehr benützt werden können, falls der Gegner z.B. unsere Elektrizitätsversorgu​ng und wichtige Knotenpunkte der Infrastruktur aus der Luft völlig zerstören und das Land damit lähmen will. Alle westeuropäischen Ländern würden in einem solchen Fall z.B. den USA in den Arm fallen, hätten diese eine solche Absicht. Bei Russland als möglichem Gegner könnte dieses Argument, je nach den Umständen, weniger stark wirken. Dafür würde dessen Feind im Eigeninteresse die Lahmlegung unseres Landes zu verhindern suchen, falls auch wir im Krieg gegen seinen Gegner wären. (Unser Pflicht zur Neutralität hört mit einem Angriff auf!)

Obschon heute nicht mehr mit riesigen Panzerarmeen zu rechnen ist, hat jede bedeutende Macht eine genügende Anzahl von Kampfverbänden, um eine wesentlich grösser Streitmacht als unsere Rumpfarmee es sein wird, gegen uns einzusetzen. Angesichts der geringen Stärke der Armee und der grossen Zahl von zu verteidigenden Objekten oder Gegenden, ist es unbegreiflich, dass die Militärdoktrin vom „Hauptteil“ der Aktionen im Mittelland, also mehreren gleichzeitig stattfinden Aktionen, reden kann, um eine Besetzung zu verhindern.

Gemäss WEA soll die Luftwaffe nach dem Abschluss der nächsten Etappe der Weiteren Eliminierung der Armee nur noch über drei Flugplätze verfügen. Wollen wir sie kampflos feindlichen Luftlandetruppen überlassen, damit sie sofort von deren Luftwaffe benützt werden können? Wir haben zwei interkontinentale und mehrere kleinere zivile Flugplätze. Sollen sie verteidigt werden, oder sollen sie von Anfang dem Feind als Basen für seinen Nachschub, seine Kampfflugzeuge und Kampfhelikopter unverteidigt zur Verfügung gestellt werden? Und die Alpentransversalen? Wollen wir sie verteidigen oder gleich dem Gegner überlassen? Falls wir alle diese für unser Land so zentralen Infrastrukturanlagen verteidigen wollen, hätte die Rumpfarmee dafür überhaupt genug Kampfverbände? Es ist offensichtlich, dass wir diese wichtigen Anlagen unserer Infrastruktur einem Gegner nicht überlassen können. Aber blieben dann überhaupt Verbände übrig, um „Aktionen“ zur Verteidigung des Mittellandes mit seinen Städten und Dörfern, seinen Kraftwerken, Industrieanlagen, Eisen- und Autobahnen durchführen zu können?

Oder können wir vielleicht von der Illusion ausgehen, dass ein Gegner nur an einzelnen Stellen mit schwachen Kräften, also punktuell angreifen würde, sodass die Armee – immer unter der Voraussetzung, dass sie vor dem Angriff überhaupt mobilisiert und ausgerüstet werden konnte – auch nur punktuell und mit schwachen Kräften Verteidigungsaufgaben​ übernehmen müsste, oder würde er es vielmehr professionell, also mit einer grösseren Anzahl von Kampfverbänden auf einer breiten Front und möglicherweise aus verschiedenen Himmelsrichtungen, aus der Luft und dem Weltraum tun? Die Antwort ist offensichtlich, d.h. die Verteidigung des Landes mit unserer Rumpfarmee ist eine weitere Illusion, obschon in der selben Ausgabe der Military Power Review vom Chef des Heeres ein sehr überzeugendes Konzept für die Kampfführung unserer Bodentruppen in einem – wahrscheinlich unerwartet komplexen – modernen Krieg vorgestellt wird.

Wie will die Rumpfarmee mit ihrer geringen Feuerkraft die illusorische Forderung der Doktrin erfüllen „mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Gegner seine Ziele rasch erreicht; es sollen ihm schwere Verluste beigebracht werden, die ihn zur Aufgabe seiner Aktionen zwingen“? Als Illusion ist auch die Forderung der Doktrin einzustufen, „nach Aufnahme der Kampfhandlungen ….Schläge in die Tiefe des gegnerischen Raumes zu tragen“. Wo sind die dafür nötigen massiven „Feuermittel“, Luftwaffe, Raketenartillerie, weitreichende Artillerie? Weiter, welche „Spezialkräfte“ hat die Rumpfarmee, die laut Doktrin auch solche Schläge in die Tiefe austeilen sollten, die also nicht nur punktuelle und für einen Gegner zwar lästige, aber wirkungslose Nadelstiche verteilen können? Haben wir nicht zur Kenntnis genommen, z.B. in Libyen, dass viele Tausend Einsätze von Kampfflugzeugen nötig sind, um wirksame „Schläge in die Tiefe des gegnerischen Raumes“ auszuteilen? Und ist es nicht eine Illusion zu glauben, wir könnten mit „offensivem“ Vorgehen im „elektromagnetischen und Cyberraum“ gegen eine grössere moderne Macht irgend etwas Entscheidendes erreichen? Könnte dagegen ein Gegner nicht unsere eigene elektromagnetische Stufe, z.B. die Geräte zur Lagedarstellung und Führung, relativ rasch ausschalten?

Wie gross sind „Einsatzverbände“, bzw. wie viele hat die Rumpfarmee, die den „Kampf der verbundenen Waffen“ in ihren jeweiligen „Zonen“ führen sollen? In wie vielen „Zonen“ kann die Armee überhaupt gleichzeitig präsent sein, selbst wenn sie auf die Verteidigung der Alpentransversalen und der Militär- und zivilen Flughäfen verzichten würde? Wie gross sind die für „Gegenangriffe“ vorgesehenen „mechanisierten Reserven“? (Die Armee hat insgesamt nur noch rund 120 Panzer). Hüten wir uns auch hier vor Illusionen.

Das Schlimmste für ein Land ist es, eine der schwierigsten, aber lohnendsten Aufgaben, nämlich fähig zu sein, einen Krieg vom Land fernzuhalten, mit Illusionen anzugehen. Schenken wir unserem Volk reinen Wein ein. Machen wir es darauf aufmerksam, es müsse entweder wieder eine glaubwürdige Landesverteidigung aufbauen oder sich damit abfinden, im schlimmsten Fall die ganzen Gräuel, Schrecken und Zerstörungen eines Krieges auf sich zu nehmen und dann seine Freiheit zu verlieren. Aber machen wir ihm nicht vor, unsere immer noch weiter eliminiert werdende Armee könne es, wie in den vergangenen 200 Jahren, vor einem Krieg bewahren.

2.8. Werden die Dämonen des Krieges friedlich im Schlaf sterben?

Die entscheidende Frage, die oben schon kurz gestellt wurde, ist die, ob ein Krieg in Europa noch möglich ist und wenn ja, was ihn auslösen und wie er sich darstellen und abwickeln könnte. Viele verneinen diese Möglichkeit für die ganze vorausschaubare Zukunft. Falls sie mit ihrer Einschätzung Recht hätten, bräuchten wir wirklich keine Armee.

Diese Frage müssen wir mit höchster Priorität angehen und dann darstellen, wie die Landesverteidigung auszusehen hat, um einen Krieg vom Land fernzuhalten.

Wenn ein Gegner ein Land auf die Dauer unterwerfen und zu seinen Gunsten einsetzen will, muss er es mit zahlreichen eigenen Bodentruppen besetzen, selbst wenn er es anfänglich dank überlegener Technik und Feuerkraft „besiegen“ konnte. Diese Erkenntnis bricht sich nach den Niederlagen der USA im Irak und Afghanistan wieder Bahn. Das ist eine Chance für uns.

Um unsere Armee stärker zu machen und besonders eine Besetzung zu verhindern oder sehr aufwendig zu machen, müssten wir einen eigenen Weg finden, teilweise weg vom Krieg der anderen. So könnten wir z.B. zusätzlich zur Rumpfarmee robuste, feuerkräftige, aber weder gepanzerte noch vollmotorisierte Verbände unterhalb der elektromagnetischen Schwelle aufbauen, deren Aufgabe es vor allem wäre, die Stellung zu halten (Städte und Ortschaften, Flugplätze, die Alpentransversalen, Infrastruktur, Knotenpunkte), und ggf. die zivilen Behörden zu unterstützen. Ein Gegner müsste mit zahlreichen Bodentruppen kämpfen, um diese Räume zu besetzen. Die hochflexible, mobile und voll auszurüstende, stark gepanzerte Rumpfarmee, die damit Teil einer wieder glaubwürdigen Landesverteidigung wäre, würde den Kampf laut Konzept des Chefs Heer, aber im Zusammenwirken mit den neu zu schaffenden statischen Verbänden führen.

Die Kriege der jüngsten Zeit zeigen, wie stark selbst nur leicht bewaffnete, aber hoch motivierte Kämpfer gegen eine moderne Armee sind, die kaum mehr Verluste verkraften kann und von den Medien und der eigenen Bevölkerung genau beobachtet wird. Die hier vorgeschlagenen robusten Kampfverbände wären unvergleichlich viel feuerkräftiger und besser ausgebildet als diese. Für eine solche Lösung bräuchten wir allerdings viel geistige Beweglichkeit und Kreativität, und mehr Geld, aber nicht untragbar viel mehr. So wären wir wirklich gut gewappnet. 

Anlässlich eines Vortrages im Dezember 2013 am Bunsen-Gymnasium in Heidelberg, schockierte der bedeutende ehemalige SPD-Minister Egon Bahr, Architekt der deutschen Ostpolitik, die Gymnasiasten mit dem Satz: „Ich, ein alter Mann, sage euch, dass wir in einer Vorkriegszeit leben“, aber die jungen Leute würden ihm das nicht glauben. Auch er habe seinem Vater nicht geglaubt, als er ihm 1933 sagte: „Hitler bedeutet Krieg“. Am Schluss seines Vortrages meinte er noch: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie und Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt“.

Und niemand wird Jean-Claude Junker, bis vor kurzem Chef der EURO-Gruppe, vorwerfen „ein engstirniger, im Réduit einbetonierter, ewiggestriger Militärkopf“ zu sein, wie das die Gegner einer glaubwürdigen Armee deren Befürworter, wie z.B. dem Verfasser, vorwerfen. In zwei sehr ernsten Interviews am deutschen Fernsehen und im SPIEGEL im Laufe des Jahres 2013 meinte er, Europa sei viel zerbrechlicher, als alle gemeint hätten und auch in Europa sei ein Krieg wieder möglich. Er schloss diesen Gedanken mit den Worten: „Die Dämonen sind nicht tot, sie schlafen nur“.

Wir alle hoffen, in späteren Geschichtsbüchern könnten künftige Generationen lesen, diese Dämonen seien friedlich im Schlaf gestorben. Aber bleiben wir gewappnet, für den Fall, dass sie aufwachen sollten. Gotthard Frick, Bottmingen 27. Dezember 2013

Zitate den II. WK betreffend aus dem Buch des Verfassers „Hitlers Krieg und die Selbstbehauptung der Schweiz 1933-1945“, ISNB9783033029484.

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