1. Politik Aktuell

Wirtschaftslage 2013 und die Zusammensetzung des Wachstums

Trotz des schwierigen Umfelds zeigt sich die Schweizer Wirtschaft weiterhin robust. 2012 wuchs sie sogar schneller als noch im Jahr zuvor.

Dieser Text informiert über die aktuelle Wirtschaftslage und das internationale Umfeld der Schweiz. Der zweite Teil befasst sich mit der Zusammensetzung des Wirtschaftswachstums.

Aktuelle Wirtschaftslage der Schweiz

Die Schweizer Wirtschaft ist in drei Quartalen des Jahres 2012 gewachsen. Einzig das zweite Quartal schneidet im Vorjahresvergleich etwas schlechter ab. Im vierten Quartal zeigte sich ein jährliches Wachstum von einem Prozent. Die Wirtschaft wuchs damit schneller als noch 2011, aber nicht so stark wie vor der Finanzkrise 2008. Dies ist auch in Abbildung 1 zu sehen.


Abb. 1: Wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz. Quelle: SECO

Bestandteile des BIP

Das BIP setzt sich aus dem Konsum, den Investitionen und den Nettoexporten (Exporte – Importe) zusammen. Der Konsum hat mit rund 70% den grössten Anteil am BIP. Wie im Vorjahr haben vor allem der Konsum und die Nettoexporte zur positiven wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen. Der Konsum setzt sich aus einem privaten und einem staatlichen Element zusammen. Er ist 2012 um 4.5% gestiegen. Der private Konsum ist mit einem Anteil von 60% der grösste Teil des BIPs und erreichte 2012 ein überdurchschnittliches Wachstum von 4.4%. Mit der Konsumentenstimmung lässt sich der künftige private Konsum abschätzen. Im April 2013 lag die Konsumentenstimmung wegen der grösseren Arbeitsplatzsicherheit leicht über dem langjährigen Durchschnitt. Die bessere Stimmung im Vergleich zum letzten Jahr deutet auf einen stärkeren Konsum in diesem Jahr hin. Auch der Staatskonsum ist mit 4.6% stark gewachsen. Im Staatskonsum sind die Ausgaben des öffentlichen Sektors für Waren und Dienstleistungen erfasst.

Die Investitionen werden durch die Bruttoinvestitionen im BIP abgebildet. Diese sind im letzten Jahr um 17,2% gesunken. Viel wichtiger sind allerdings die Unterkategorien der Ausrüstungs- (bspw. in Maschinen) und Bauinvestitionen (bspw. in Häuser, Fabriken). Sie zeigen, wie die Unternehmen die künftige Entwicklung der Wirtschaft einschätzen. Während die Bauinvestitionen nur leicht gestiegen sind, wuchsen die Ausrüstungsinvestitionen um 3%. Das deutet darauf hin, dass die Unternehmen optimistisch in die Zukunft blicken.

Die Nettoexporte sind Ende 2012 mit 17.9% am stärksten gewachsen. Über das ganze Jahr betrachtet sind die Export trotz des starken Frankens stabil geblieben. Die Gewinne in Asien und Nordamerika machten dabei die Verluste in Europa wett. Mit einem Wachstum von 11% war die Uhrenindustrie die am stärksten wachsende Branche. Im Gegensatz dazu litten die Papier- und die grafische Industrie mit einem Rückgang von 13% am meisten. Die Uhrenindustrie hat davon profitiert, dass sie ihre Produkte in viele verschiedene Länder verkauft. So ist sie weniger von der Krise in Europa betroffen. Zudem sind ihre Produkte qualitativ hochwertig, wodurch sie höhere Preise verlangen kann. Das Gegenteil trifft auf die Papierindustrie zu. Sie ist stark auf den europäischen Markt fokussiert und hat wenig Spielraum beim Preis.

Die Importe sind im letzten Jahr um 0.6% gestiegen. Zum leichten Wachstum haben vor allem Energieträger und Konsumgüter (besonders Arzneimittel und Autos) beigetragen.

Jährliches Wachstum 2012 Q4 Anteil am BIP
BIP total +1% 100%
Privater Konsum +4.4% 59%
Staatskonsum +4.6% 11%
Bruttoinvestitionen -17.2% 20%
Nettoexporte +17.9% 10%

Tabelle 1: Anteile und Wachstum des BIP. Quelle: SECO

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit im April 2013 lag bei 3.1%. Allerdings ist die Arbeitslosigkeit von Region zu Region sehr unterschiedlich. Die Arbeitslosenquote reicht von 0.9% in den Kantonen Ob- und Nidwalden bis zu 5% im Kanton Genf. Bei der Arbeitslosenquote sind allerdings nicht alle Personen berücksichtigt, die eine Stelle suchen. So fehlen bspw. jene Leute, die ausgesteuert sind oder diejenigen die eine Stelle haben, aber eine andere Stelle suchen. Weiterhin suchen 4.5% der Erwerbsfähigen eine Stelle.

Zwischenfazit

Die Schweiz blickt wirtschaftlich gesehen auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Auch für die Zukunft scheint die Schweizer Wirtschaft gut gerüstet zu sein. Die meisten Experten (SECO, Konjunkturforschungsstelle KOF, Credit Suisse, UBS) gehen für 2013 im Durchschnitt von einem Wachstum von 1,3% aus. Für 2014 sind die Konjunkturforscher noch optimistischer, sie prognostizieren im Durchschnitt ein Wachstum von 1.9%.

Allerdings gibt es auch Risiken für die Schweizer Wirtschaft, beispielsweise beim Häusermarkt. Hierzu gibt der Text „Die Gefahr einer Immobilienblase in der Schweiz“ Auskunft.

Internationales Umfeld

Die Schweiz ist als offene Volkswirtschaft stark abhängig von den wirtschaftlichen Entwicklungen im Ausland. Die schwache Wirtschaftslage in Europa belastet auch die Schweizer Exportwirtschaft. Hinzu kommt der starke Franken, welcher Schweizer Produkte im Ausland verteuert. Die wachsende Nachfrage nach Schweizer Produkten in Asien hat hingegen positive Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Krise in Europa

Für die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz ist es entscheidend, wie es der EU wirtschaftlich geht. Denn sie ist die wichtigste Handelspartnerin der Schweiz. Im laufenden Jahr wird die Wirtschaft in der EU als Ganzes kaum wachsen. Dies hängt mit der finanziellen Lage der Staaten, den fehlenden Krediten und der Arbeitslosigkeit zusammen.

Viele Staaten der EU sind stark verschuldet. Deswegen müssen sie ihren Staatshaushalt in Ordnung bringen indem sie weniger ausgeben und/oder mehr Steuern einnehmen. Dies führt dazu, dass die Wirtschaft wegen der kleineren staatlichen Nachfrage und den höheren Steuern weniger stark wächst oder sogar schrumpft.

Zweitens erhalten die Unternehmen in der EU zu wenig Kredite. Die Banken vergeben nur wenige davon, weil sie Ausfallrisiken minimieren sollen. Somit können die Unternehmen nur wenig investieren. Dies senkt das Wachstum und schafft weniger neue Arbeitsplätze.

Die hohe Arbeitslosigkeit in den europäischen Staaten drückt zusätzlich auf den Konsum in diesen Ländern. Dies wirkt sich wiederum negativ auf das Wirtschaftswachstum aus. Da die europäische Wirtschaft also kaum wächst, werden für die Schweizer Wirtschaft die aufstrebenden Märkte, vor allem in Asien, immer bedeutsamer.

Wachstum in Asien

Asien ist in den letzten zehn Jahren wirtschaftlich sehr stark gewachsen. Die Schweizer Wirtschaft profitiert davon mehr als andere Exportnationen. So war Asien in den Jahren 2010 und 2011 für die Hälfte des schweizerischen Exportwachstums verantwortlich. Mittlerweile gehen 13% aller Schweizer Exporte nach Asien, fast doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Dank der Exporte nach Asien hat die Schweizer Wirtschaft weniger unter der Krise in Europa gelitten. Es wird erwartet, dass die asiatische Wirtschaft 2013 wieder stärker als 2012 wachsen wird. Dies ist ein gutes Zeichen für die Schweizer Exporteure, welche somit weiterhin mit steigenden Exportzahlen in diese Region rechnen können. Dennoch bestehen auch Risiken. Denn die Wirtschaftslage in Asien ist nicht robust. Insbesondere, weil die meisten Länder immer noch sehr stark von den eigenen Exporten abhängig sind. Somit ist es möglich, dass die schwache Nachfrage im Westen die Konjunktur in Asien bremst. Dies könnte wiederum auf die Schweiz zurückschlagen und die Schweizer Exporte nach Asien würden zurückgehen.

Das Wachstum der Schweizer Wirtschaft genauer unter die Lupe genommen

Die Schweiz war und ist in den letzten Jahren wirtschaftlich sehr erfolgreich. Gemessen am realen BIP hat sie sich wirtschaftlich besser entwickelt als viele andere Industrieländer und die Europäische Union. Um die Leistung der Schweiz zu bewerten, ist es aber auch wichtig zu wissen, woher das Wachstum gekommen ist.

Unterschiedliches Wachstum

Die Wirtschaft kann auf zwei verschiedene Arten wachsen: Die eine Möglichkeit ist, dass die Bevölkerung im Wirtschaftsraum wächst. Mehr Leute konsumieren mehr, was die Wirtschaft ankurbelt. Die andere Möglichkeit für Wachstum ist, dass das BIP pro Einwohner steigt. Dies wird von drei Faktoren beeinflusst und anhand eines Beispiels erklärt.

Nehmen wir an, dass in einem Land nur Bäcker leben und das Land folglich nur Brote bäckt. Das BIP des Landes ist umso höher, je mehr Brote es bäckt. Erstens kann das Land mehr Brote backen, wenn es mehr erwerbsfähige Leute hat. Das sind Personen, die zwischen 15 und 64 Jahre alt sind und somit theoretisch als Bäcker tätig sein können. Zweitens müssen möglichst viele dieser Leute tatsächlich als Bäcker arbeiten. Denn, je mehr Personen einer bezahlten Arbeit nachgehen, desto höher ist das BIP. Drittens müssen jene Personen, die arbeiten, so viel wie möglich produzieren. Jeder einzelne Bäcker soll also so viele Brote backen wie nur möglich. Dies kann er einerseits erreichen, wenn er länger arbeitet. Anderseits ist dies auch möglich, wenn er pro Tag einfach mehr Brote bäckt (höhere Produktivität).

Der folgende Abschnitt behandelt das Wachstum der Bevölkerung und des BIP pro Einwohner in der Schweiz (vgl. Abbildung 2).


Abb. 2: Zusammensetzung des BIP-Wachstums. Quelle: OECD

Bevölkerungswachstum als Wachstumsmotor

Die Schweiz ist eines derjenigen Länder in Europa, deren Bevölkerung am schnellsten wächst. Dies ist vor allem aufgrund der grossen Einwanderung so. Ein solches Bevölkerungswachstum kurbelt den Konsum und die Bauwirtschaft an. Dadurch wächst die Wirtschaft als Ganzes. Zudem arbeiten nun mehr Leute im Land, wodurch mehr produziert wird.

2012 lebten knapp 8 Millionen Menschen in der Schweiz. Das Bundesamt für Statistik geht davon aus, dass die Schweizer Bevölkerung auch in den nächsten Jahren weiter wächst. Somit wird auch in Zukunft das Bevölkerungswachstum ein wichtiger Wachstumsfaktor für die Schweizer Wirtschaft sein. Allerdings muss das Wirtschaftswachstum dann aber auch auf mehr Einwohner verteilt werden. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie es dem einzelnen Bürger eines Landes im Durchschnitt geht. Hierzu schaut man sich an, wie sich das BIP pro Einwohner entwickelt hat

Wachstumsfaktor BIP pro Einwohner

Die Zahlen zeigen, dass das BIP pro Einwohner nach einer Schwächephase in den Neunzigerjahren zwischen 2001 und 2010 wieder stärker gewachsen ist. Allerdings hatte die Schweiz in den Neunzigern eine starke Rezession (geplatzte Immobilienblase) zu bewältigen und deshalb lassen sich die beiden Jahrzehnte nur schwierig vergleichen. Wie vorhin erwähnt, spielt für das BIP pro Einwohner die Produktivität eine grosse Rolle. International gesehen ist die Schweizer Produktivität eher durchschnittlich. Ein Grund dafür ist, dass die Schweiz eine im internationalen Vergleich hohe Erwerbstätigenquote hat. Das bedeutet, um beim Bäcker-Beispiel zu bleiben, dass auch Leute im Arbeitsmarkt integriert sind, die eher weniger Brote pro Stunde backen können. Ein weiterer Grund ist, dass die Schweizer und Schweizerinnen sehr fleissig sind und viele Arbeitsstunden leisten. Im Beispiel sind die Bäcker also von morgens früh bis spät abends in der Backstube am Brot backen. Es ist nun aber so, dass mit jeder zusätzlichen Stunde, die gearbeitet wird die Produktivität leicht sinkt. Denn unsere Bäcker werden gegen Abend müde und arbeiten damit weniger schnell.

Positiv zum Wachstum des BIP pro Einwohner im letzten Jahrzehnt hat beigetragen, dass es wegen der Einwanderung mehr erwerbsfähige Personen gibt. Dies hat die tiefere Erwerbstätigenquote etwas kompensiert. Negativ auf das Wachstum haben sich die seit den Siebzigern tendenziell sinkenden Arbeitszeiten ausgewirkt, die jedoch immer noch höher sind als in vielen anderen Ländern.

Fazit

Die starke Zuwanderung in die Schweiz treibt die Wirtschaftsleistung an. Ihr Beitrag zum Wachstum war noch nie so hoch wie in den letzten 10 Jahren. Allerdings sagt dies nichts darüber aus, wie es dem einzelnen Bürger im Durchschnitt geht. Hierzu ist das BIP pro Einwohner aussagekräftiger. Unsere Berechnungen zeigen, dass diese Grösse ab 2000 wieder stärker gewachsen ist als in den Jahren davor, aber schwächer als früher. Gründe hierfür können das schwache Wachstum der Produktivität, im Durchschnitt kürzere Arbeitszeiten oder auch weniger Leute sein, welche einer Arbeit nachgehen.

Literaturverzeichnis

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Text_Wirtschaftslage%202013.pdf – PDF

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