1. Sonstiges

die lebensnotwendige Schönheit der Architektur

Das Mit­tel­al­ter war eine har­te, schwie­rige Zeit: Kälte, Hun­ger, Ar­mut, Fol­ter, Seu­chen, Raubüberfällen, Leib­ei­gen­schaft…​​ ich bin froh, in der kom­for­ta­blen Mo­derne zu le­ben, mit Men­schen­rech­ten, Bil­dung, Des­in­fek­ti­ons­mit​​­teln, Kühlschränken und flies­send heis­sem Was­ser!

Allerdings,​ es gibt mindestens eine Sache, die unsere Vorfahren im Mittelalter deutlich besser hinkriegten als wir heutigen: die lebensnotwendige Schönheit der Architektur.

Wenn Häuser das Herz berühren…
Irgendwie schafften es die Leute im Mittelalter, mit all den Problemen, die sie hatten, Häuser zu bauen, deren Schönheit uns heute noch das Herz zu Tränen rührt. Und nein, das betrifft nicht nur die Paläste: ganz normale Wohnhäuser von ganz normalen Leuten haben das gewisse Etwas, das Walt Disney dazu inspiriert, diese Art Häuser in seinen Filmen darzustellen, das Touristen dazu bringt, fleissig zu fotografieren, und Einheimische, sich die schönsten Gebäude ihrer Heimatstadt tätowieren zu lassen, und ja, auch als Wohnungen und Arbeitsplätze sind sie begehrt und werden heiss und innig geliebt.

… oder auch nicht
Leider trifft dies auf die meiste moderne Architektur nicht zu. Egal ob es sich um Billig-Plattenbauten handelt oder um prestigeträchtige Objekte weltbekannter Architekten: das Allermeiste ist kalt, steril, unangenehm, vermittelt keine Gemütlichkeit und keine Geborgenheit.

Ist das wirklich das Beste, was unsere moderne, aufgeklärte, reiche Gesellschaft zustande bringt? Können wir das nicht besser?

Schönheit ist nicht Geschmackssache
Die architektonische Schönheit, die unser Herz berührt, ist eine objektive Qualität – nicht beliebig und frei wählbar. Wenn Schönheit beliebig wäre, müssten viel mehr Tiefgaragen mit niedrigen Decken, trüben Neonlampen und Ölflecken auf dem Boden als Ikonen architektonischer Schönheit verehrt werden!  – bloss, irgendwie passiert das einfach nie.

die Schönheit, die ich meine, ist tief in der Biologie des Menschen verankert – das Empfinden von Schönheit zeigt uns Orte an, wo es möglich ist, ganz sich selbst zu sein. “Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!” ruft es sich so viel leichter in mittelalterlichen Gassen statt in einem modernen Bürogebäude.

Mittela​​lterliche Gebäude haben Qualitäten, die wir auch in der Natur finden: Es gibt in der Regel lokal immer gleiche Typen von Gebäuden – von denen jedes aber ein bisschen anders ist, jedes an seinen Ort angepasst ist, so wie ein Wald viele Bäume derselben Sorte hat, aber kein Baum ist genau gleich wieder andere.

Oft strukturieren alte Häuser winzige Räume optimal, jede Ecke ist nutzbar und nützlich, es gibt keine toten Flächen – SO geht verdichtetes Bauen!

Es entstehen Wohnungen, die durchaus einfach sein können, klein, vielelicht sogar sehr klein – aber sie sind menschlich, und sie tun alles, was ein Haus tun muss, nämlich den Körper des Menschen schützen und seinen Geist friedlich machen.

Moderne Gebäude – objektive Hässlichkeit
Die modernen Gebäude sind leider im Schnitt so hässlich, dass man schon froh sein muss, gelegentlich eins zu treffen, das nicht ganz so schlimm ist wie die andern. Auch hier ist die Hässlichkeit keine Geschmackssache: moderne Gebäude haben in aller Regel Hunderte, Tausende von Details, die bei den Bewohnern und Benutzerinnen Stress hervorrufen.

Stress ist hier im grundlegenden körperlichen Sinn gemeint: viele moderne Gebäude wecken ständige Kampf/Flucht-Reaktion​​en bei den Benutzern und Benutzerinnen, und mit der Zeit zehrt das an der Gesundheit. Das können Lichter sein, die blenden; zu trockene Luft durch Klimaanlagen; automatische Haustechniksysteme, sodass zB Sonnenstoren nicht individuell eingestellt werden können; lange dunkle Gänge; Konferenzräume mit schlechten akustischen Eigenschaften; übergrosse Fenster, die das ganze Privatleben ausstellen; fehlende Sitzgelegenheiten, Bänke, Mäuerchen; schneidende Winde rund um Hochhäuser; Fenster, die sich nicht öffnen lassen…

Massnahmen​​ zur Verbesserung

Hier sind einige Ideen, in welche Richtung Massnahmen gehen könnten, damit wir endlich wieder mal auf breiter Basis Wohnungen und Häuser haben, die diesen Namen auch verdienen:

Bauen für die Ewigkeit
Ressourcen sind selten und kostbar – entsprechend verantwortungsvoll wollen wir mit ihnen umgehen! Eine der wirksamsten Massnahmen für Nachhaltigkeit ist bestimmt, alles, was man baut, solide und langlebig zu bauen, sodass wir als Gesellschaft unseren Nachkommen ein positives, nützliches Erbe hinterlassen können und nicht bloss riesige Haufen von Schrott und Sondermüll. Also: Pflästert eure Strassen, fragt nach langlebigen, leicht reparierbaren Materialien, baut nicht nur für euch, sondern auch für die Urururenkel, die einst unsere Bauten benutzen werden!

Nutzerbedürf​​nisse konsequent berücksichtigenWenn heute über Architektur geschrieben und gesprochen wird, fallen viele Stichworte wie “interessant, originell, skulptural” Etwas weniger oft – viel zu wenig – wird die Frage erörtert, wie es sich denn in diesen skulpturalen Interessantheiten lebt und arbeitet? Und wie es den Leuten geht, die sich bei und neben dem Gebäude bewegen? Wenn Architektur konsequent im Dienst der Menschen wäre, die ein Gebäude, ein Dorf, eine Stadt bewohnen, die Welt sähe heute deutlich anders aus, als sie aussieht. Gebäude müssen keineswegs originell oder aussergewöhnlich sein – es reicht meist schon, wenn sie ganz normal angenehm und liebenswürdig sind.

Stärkere demokratische Kontrolle bei der Raumgestaltung
Inzwisc​​hen hatten wir alle mehr als genug Gelegenheit, zu sehen, was herauskommt, wenn private Investoren bauen: Seelenlose, kalte Glas-Beton-Stahl-Mons​​ter, tote Quartiere, Gewalt und Kriminalität. Da der Boden und somit auch der verfügbare Wohn- und Arbeitsraum in der Schweiz eine sehr knappe Ressource ist, gehört diese Ressource im Sinne des Gemeinwohls durch demokratisch legitimierte Stellen verwaltet, und nicht durch Private, die in erster Linie für persönlichen Profit arbeiten. Da gilt sowohl bei Regeln fürs Neubauen, fürs Umbauen, aber auch für Vermietungen.

Es geht auch einfach
Gutes Leben muss nicht teuer sein. Wenn intelligent verdichtet gebaut wird – Vorbilder haben wir ja genug in unsern Altstädten – ist auch auf wenig Platz eine Menge Lebensqualität möglich. Ebenso braucht nicht jede Küche alle elektrischen Gadgets, um wohnlich zu sein – es ist sehr wohl möglich, das Geschirr per Hand zu spülen. Nicht jede neue Wohnung braucht den maximalen Ausbaustandard!

Neue​​ Lebensformen
Noch nie haben so viele Leute allein gewohnt wie wir heute. Das ist nicht unbedingt sinnvoll, denn jede einzelne Wohnung mit dem üblichen Zubehör zu bauen, kostet Platz und Geld. neue  gemeinschaftliche Wohnformen, die sich an die alten Grossfamilien-mit-Anh​​ang anlehnen, dürften nicht nur mehr Lebensqualität bieten, sondern gleichzeitig weniger Platz und Geld benötigen.

Alte und junge Leute, grosse und kleine Wohnungen
Viele alte Leute bleiben im Haus oder der Wohnung, wo ihre Kinder aufgewachsen sind. Irgendwann ist diese Wohnung eigentlich zu gross, aber dennoch bleiben sie drin – ist ja verständlich, in der gewohnten Umgebung, mit den gewohnten Möbeln, im gewohnten sozialen Umfeld. Andererseits gibt es viele junge Leute, die eine Wohnung suchen, aber kaum eine finden. Es könnte nützliche Zusammenarbeiten geben: alte Leute lassen junge Leute für eine günstige Miete und Hilfe im Haushalt bei sich wohnen – und gewinnen dazu noch etwas nette Gesellschaft. Ein Gewinn für alle!

 

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Comments to: die lebensnotwendige Schönheit der Architektur
  • September 21, 2015

    Interessantes Thema: Als mein Grossvater als Architekt die erste Börse in Zürich bauen durfte, baute er das Gebäude mit Stil-Elementen der Historistik. und zum Jugensstil. Auch die Villen, die er für “Textilbarone” am Zürichsee baute, waren innen und aussen komplet vom Architekten gestaltet, sogar die Treppengeländer, Böden Gipsdecken, Einbaumöbel, und Möbel wurde von ihm gezeichnet. Selbst die Gartenanlagen mit Wegen, Sitzplätzen, Stelen, Fiiguren, Gartenhäuschen gehörten zum Auftrag des Architekten.
    Trotzde​m bin ich nicht gegen moderne Architektur von heute. Sie mag etwas schmucklos daherkommen. Aber das hat einen Gründe , die erwähnt werden müssen.. Grob gesagt richtete sich die die frühere Architektur richtete sich Architektur nach “aussen”. Das ausgewogene Aussehen hatte Gewicht. Es erfüllte die Funktionen (Raumprogramm) repräsentierte die Bewohner. Heutige Architektur nutzt zuerst die mögliche Ausnutzungsziffer und überlässt dem Bewohner den Innenraum zur freien Gestaltung. Das leuchtet ein.
    Noch ein Wort zum “Riegelhaus”. Diese Bauform ergab sich aus der Konstruktions- und Statikmöglichkeit (Holzriegel mit Mauerziegeln oder Lehmziegel ausgefüllt und verputzt.) Heute erlebt diese Bauform eine Renaissance in Form der modernen Fertigbauhäuser aus Holzelementen, die dem Riegel gleichen, aber äusserst präzise sind und nicht auf der Baustelle entstehen, sondern in hochmodernen Werkhallen.
    Ob das dann gemütlich oder fade aussieht, ist jedem selber überlassen. Die Aufgabe, für alle genügend Wohnraum zu erschaffen bleibt.
    Die 40% Einpersonenhaushalte in der Stadt Zürich sind klar unsozial. Aber neuerdings entstehen recht viele Mehrgenerationenhäuse​r, wieder näher beisammen sein will. Und auch, weil wegen der besseren Gesundheit der Alten, diese auch wieder eher zuhause sterben.

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    • Juli 19, 2021

      Schlichte Architektur gab’s schon immer – zB romanische Kirchen. Oder auch alte Häuser, die sind oft sehr sehr schlicht.

      Ich glaube auch nicht, dass sich die Bedürfnisse der Menschen so sehr verändert haben in den letzten tausend Jahren, dass die Moderne auf einmal ganz andere Grundideen für die Baukunst braucht als frühere Zeiten.

      Und von wegen “Innenraum zur freien Gestaltung”… das ist doch sehr relativ. Oder rufen Sie doch mal Ihren Vermieter an und sagen Sie ihm, sie wollten gern ein Fenster 50 cm nach links rücken, eine Mauer hier rausreissen und dort dafür eine neue bauen, weil Ihnen so der Grundriss viel besser zusagt.

      @gemütlich oder fade… sollen Dinge nicht AUSSEHEN, sondern SEIN. Auch das ist ein Problem moderner Architektur: vieles wird darauf ausgerichtet, ob es im tollen Hochglanzprospekt für Investoren gut aussieht, und nicht, ob es praktisch benutzbar ist. Gilt sogar für sogenannte Prestigeobjekte wie zB Europaallee/Zürich:
      http://www.nzz.ch/zue​rich/stadt-zuerich/di​e-problemwohnungen-in​-der-europaallee-1.18​528791

      Einfach Wohnraum schaffen ist ja ein Minimalanspruch – wenn schon Wohnraum geschaffen wird, dann bitte auch erst mal gründlich nachdenken dabei, welche Sorte Wohnraum das sein soll und ob die Leute in 500 Jahren, die dereinst einziehen werden, in diesem Gebäude auch glücklich sein können? Wenn das jemand umsetzen kann, dann wohl wir, eine der wohlhabendsten, aufgeklärtesten Gesellschaften der ganzen Welt.

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    • Juli 19, 2021

      @ Frau Barbara Seiler,

      Auch Ihr letzter Absatz trifft voll ins Schwarze.

      Ich habe mir ein 745-jähriges Altstadthaus “Zum Mühlerad” gekauft, sanft neu renoviert, und die Menschen fühlen sich sehr wohl darin. ich denke & hoffe auch noch in weiteren 500 Jahren.

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    • Juli 19, 2021

      Liebe Frau Seiler,
      als Mieter können sie natürlich nicht verlangen, dass der Hausbesitzer Ihnen ein Fenster “50cm nach links veschiebt” – das ist Polemik. Als Hausbesitzer können Sie auch nur im Rahmen der geltenden Bauordnung, umbauen. Aber genau am Riegelhaus auf ihrer Foto geht eine Vergrösserung eines Fensters oder Verschiebung eben nicht, weil die Konstruktion des Hauses das unmöglich macht und die Auflagen des Heimatschutzes dies nicht erlauben.
      Ich bin aber damit einverstanden, dass man sich in sehr alten Gebäuden – die renoviert werden konnten und mit moderner Technik versehen sind – wohl fühlen kann.

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  • September 21, 2015

    “Das Mit­tel­al­ter war eine har­te, schwie­rige Zeit: Kälte, Hun­ger, Ar­mut, Fol­ter, Seu­chen, Raubüberfällen, Leib­ei­gen­schaft…​​​ ” also in etwa dasselbe wie heute. Oder lesen Sie keine Zeitung?

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    • Juli 19, 2021

      hier in der Schweiz? Aber nicht doch. Es geht ja hier um Schweizer Politik auf dieser Website, nicht um die ganze Welt.

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    • Juli 19, 2021

      Ja, die Schweiz ist halt ganz gut…neben den Probleme aus dem Mittelalter (der Hochzeit Europas) hat die Schweiz nun auch noch massenhaft Pädophile, Hagias, LOLA’s, Rechtsextreme, Feminismus, korrupte Banken, Umweltverschmutzung, radioaktiven Abfall für eine Million Jahre (!), Pornografie, Genderismus, Atheismus und erlebt eine Wiedergeburt des Hexenkultes.

      Kalt is es immer noch, jedenfalls im Winter, Arme gibt es nach wie vor, sogar Hunger gibt es in der Schweiz, auch Seuchen (zum beispiel AIDS), geraubt wird jeden Tag und überfallen auch und sogar Leibeigene gibt es, Menschen die ein Leben lang unter der Macht ihrer Eltern (speziell Müttern) stehen.

      Und dann sind da noch eure psychischen Probleme, die sich schon beinahe als Pandemie bezeichenen lassen, bei den Zuwachsraten. Also vor allem Narzissmus, Sadomasochismus, Borderline und Schisophrenie!

      Da könnte man schon nostalgisch werden und sich das gute alte Mittelalter zurück wünschen 🙂

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    • Juli 19, 2021

      neue Zeit, neue Probleme ^^

      Die mittelalterlichen Probleme haben wir, in der Schweiz, grösstenteils nicht mehr. Dass eine Infektionskrankheit gleich einen Drittel der Bevölkerung hinrafft (was den Begriff “Seuche” rechtfertigt, im GEgensatz zu allem, was heute zur Seuche hochstilisiert wird), ist doch nun schon länger nicht mehr vorgekommen.

      Ich wage zu behaupten, dass zumindest die ganzen psychischen Probleme von uns Modernen massiv gelindert werden könnten durch menschenfreundliche Gestaltung unserer Lebensräume. Regelmässiger Aufenthalt in der Tristesse von Autobahnen oder Grossraumbüros kann ja nicht gesund sein.

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    • Juli 19, 2021

      Ich glaube, dass euch nur Gott helfen kann, mit seiner Liebe. Bloss müsstet ihr halt wieder an ihn glauben.

      Ein bisschen LOLA-Prinzip, Hagia.de Ideen und kleine Männchen vor den Karren spannen, wird euch nicht retten.

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  • September 22, 2015

    ..es ist doch hoch interessant,dass zumeist,gut verdienende Architekten,die draussen,vielfach ziemlich “ungeniessbare” Bauten in die Tat umsetzen,sich den “Luxus” leisten,in einem mittelalterlichen Städtchen,eine Wohnung zu erstehen,die sie dann für teures Geld modernisieren.Und trotzdem ist dieses heimelige,angenehme Gefühl des Zuhause seins in diesen alten Gemäuern viel ausgeprägter,als in jedem dieser sterilen Mehrfamilienhäuser,wi​e sie heutzutage von eben diesen Architekten geplant,und verwirklicht werden.Das,was sie sich selbst gönnen,und was uns eigentlich gefallen täte,setzen sie seltsamerweise nicht um,in die unsrige,heutige Gegenwart.Warum das so ist?Zeitgeist?Ideenlo​sigkeit,Zeitmangel!?B​eton-Manie?Bauvorschr​iften?….ist fürwahr ein hochinteressantes Thema…!

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    • Juli 19, 2021

      @ J. Wolfensberger,

      Gen​au so ist es leider, Sie treffen den Nagel 100 % auf den Kopf.

      Es heisst ja darum auch; “Jeder geistige Inhalt zeigt sich in einer äusseren Erscheinung”, oder umgekehrt, stimmt so auch.

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  • September 22, 2015

    @ Frau Barbara Seiler,

    Vielen Dank für diesen hervorragenden Blog, der mich sehr gefreut hat.

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  • September 22, 2015

    Ich bin auch ein Fan von alter Architektur, ich betrete auch gern Räume und lasse mich in vergangene Zeiten zurückversetzen. Trotzdem muss ich Ihnen als sehr Architektur-Interessi​erter vehement widersprechen: es gibt auch in der Architektur keine objektive Schönheit, es liegt IMMER im Auge des Betrachters.

    Was alte Häuser für uns besonders macht, ist unsere persönliche Perspektive, für viele von uns der Blick in vergangene Zeiten, auch das Gefühl das die Häuser zu ihrer Umgebung gehören weil sie schon so lange da sind. Doch was haben die Menschen zu ihrer Zeit von zeitgenössischer Architektur gehalten? Arundel Castle im Süden Englands gilt heute als eines der eindruckvollsten Schlösser Grossbritanniens, doch Johanna Schopenhauer kritisiert in Ihrem Reisebericht “Reise durch England und Schottland” (sie war zu Beginn des 19. Jahrhunderts dort, um 1803 … ich war auch schon dort), das das alte Schloss durch neu hinzugefügte “moderne” Bauten “unendlich verliert”. Von der Casa Milà, ein Wohnhaus erbaut von Antoni Gaudi von 1906 bis 1910, hat man in Barcelona so wenig gehalten das man es mit dem Spottnamen “La Pedrera” (der Steinbruch) bedacht hat … 1984 war “La Pedrera” das erste Gebäude des 20. Jahrhunderts das von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Die Unités d’Habitation von Le Corbusier gelten als Vorgänger der Plattenbauten … im Corbusierhaus in Berlin gab es schon Rechtsstreits wegen tage- oder wochenweiser Vermietung von Wohnungen an Corbusier-Fans. Die Villa Tugendhat in Brünn (Tschechei) ist ein grosser, aber im Design sehr einfach gehaltener Flachdachbau von MIes van der Rohe, wie man ihn durchaus auch in der Schweiz findet, und hier sicher vielen nicht gefällt … 2001 wurde das Gebäude als “Meilenstein der modernen Architektur” ebenfalls UNESCO-Weltkulturerbe​. In vielen deutschen Städten sind tolle Gründerzeitbauten modernem Städtebau zum Opfer gefallen … die übrig gebliebenen möchte man heute unter allen Umständen bewahren.

    So landen auch heute immer mehr Betonbauten der 50er-, 60er- und 70er-Jahre, die wahrscheinlich den Geschmack vieler heute nicht treffen werden, in den Denkmalschutzregister​n. Das Kloster Sainte-Marie de la Tourette in der Nähe von Lyon, gebaut von 1956 bis 1960 von Le Corbusier und Iannis Xenakis, wird wohl für den Geschmack vieler Leute heutzutage erschreckend wirken … wenn man aber mal die Beschreibung des Gebäudes auf Wikipedia liest wird man verstehen warum es bereits seit 2006 unter Denkmalschutz steht, und warum Frankreich das Haus auch als UNESCO-Weltkulturerbe​ eintragen lassen will. Die Alexandra Road Estate, ein Sozialbauviertel der frühen 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts, in London (Camden), blanker Beton, ist heute in der zweithöchsten Denkmalschutzkategori​e Englands eingetragen (Grade II”).

    Billige Plattenbauten werden die Zeit nicht überstehen, wie es auch die Hütten der armen Menschen aus dem Mittelalter heute nicht mehr gibt. Aber in 50 oder 100 Jahren wird man die dann aktuelle Architektur als seelenlos empfinden, und sich über die schönen schnörkellosen Zweckbauten des 20. Jahrhunderts freuen, die übrig geblieben sind.

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    • Juli 19, 2021

      Herr Wagner, ich glaube, wir kommen nicht zusammen. let’s agree to disagree 🙂

      von allen von Ihnen genannten Beispielen berührt mich keins so sehr wie zB diese einfachen Wohnhäuser:
      http://w​ww.staedte-fotos.de/1​200/ein-blick-rheinsp​rung-basel-hinauf-544​81.jpg

      und je moderner es wird, desto schlimmer… dem Kloster Sainte-Marie de la Tourette würde ich keine Träne nachweinen, meien erste Assoziation war “Gefängnis”

      Ich gehör ja zu jenen, die ihr Leben lang in modernen Gebäuden wohnten – also immer Gebäuden so ab Jahrgang 60 – innig heisse Liebe ist nie daraus entstanden…

      und ich zweifle daran, dass Bauten in Bauhaus-Ideologie (von der sich das Schlechteste durchsetzen konnte und das Beste völlig ignoriert wird, zB die handwerkliche Qualität) je von irgendwem geliebt werden können. Nicht “interessant” oder *skulptural* oder *originell* oder *ironisch gebrochen* oder weiss der Teufel was gefunden, sondern einfach: geliebt.

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    • Juli 19, 2021

      Wir müssen nicht zusammenkommen, Frau Seiler, denn letzendlich reden wir über persönlichen Geschmack.Und nur das Sie das in Abrede stellen (objektive Schönheit) kritisiere ich.

      Mir gefällt das französische Kloster auch nicht, und ich will Sie auch nicht davon überzeugen es zu mögen. Doch die Beschreibung zeigt interessante architektonische Details auf, und das Menschen in Frankreich das Haus offensichtlich für erhaltenswert halten ist nur ein Beleg für die Subjektivität von Architekturgeschmack.​

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