1. Sonstiges

Lärm: Nahe am Nervenzusammenbruch!

„Wir haben Mon­tag. Nach einer klei­nen Weile wird das or­ni­tho­lo­gi­sche Träl­lern jäh vom Lärm eines Ra­sen­mähers un­ter­bro­chen. Vis-à-vis auf dem Schul­hausa­real stutzt ein Ge­mein­de­ar­bei­ter​ eine kleine Ra­sen­fläche, so fünf auf fünf Me­ter. Er be­dient sich dabei einer Ma­schi­ne, die gross genug ist, ein te­x­a­ni­sches Mais­feld ab­zu­ern­ten, und mehr Ex­tras be­sitzt als ein Mit­tel­klas­se­wa­ge​n.

Dienstag, Terrassen-Feeling, und mir fällt auf: Es ist ziemlich lärmig. Vis-à-vis auf dem Schulhausareal bläst ein Laubinator zwei Blätter von links nach rechts. Wie viel demütigenden Mist muss man eigentlich an einem sonnigen Nachmittag ertragen? Ich beobachte eine Weile. Wie alle Laubinatoren hegt auch dieser eine unerklärliche, gutmütige Zuneigung zu seinem Laubbläser. Der Versuch, sich auf die Worte in Sahra Wagenknechts Buch «Die Selbstgerechten» zu konzentrieren, scheitert. Nach zwei geschlagenen Stunden möchte ich dem Kerl, ganz und gar selbstgerecht, ein kühles Panaché vorbeibringen und ihm dabei das putzige Gerät entreissen. Um es ihm über den Kopf zu ziehen. Um natürlich die Umwelt davon zu befreien, vor allem aber mich selbst. Nur ist das unmöglich. Laubbläser gelten bei uns als geschütztes Kulturgut.

Mittwoch und Traumwetter. Welch ein Luxus, sich an seinem lauschigen Plätzchen über die angemessene Einsatzzeit eines Laubinators derart echauffieren zu können. Diese Emotionalisierung wegen ein bisschen Getöses hat ja auch etwas Neurotisches.

Aber dann bemerke ich: Da ist ein lautes, langes Geräusch: Vis-à-vis auf dem Schulareal startet ein Traktor seinen Einsatz; nun ist das Mähen der grossen Rasenfläche an der Reihe. Würde ich auf dem Land wohnen, würde ich sagen, das ist Provinzschicksal. Aber ich lebe in einem ruhigen Quartier in einer stadtnahen Baselbieter Gemeinde. Verstehen Sie mich nicht falsch, jeder einzelne Lärmfall ist selbstverständlich berechtigt und sinnvoll, aber **** ****** ***************!!!

Do​nnerstag. Vielleicht ist es pingelig, von Gemeindemitarbeitern zu verlangen, dass sie die Lärmemissionen in der Nachbarschaft so koordinieren, dass nur ein Tag betroffen ist. Es gibt hingegen, soviel ich weiss, keinen Grund, Menschen von Montag bis Donnerstag mit Geratter zu versorgen, wenn man es genauso gut in einem Schub erledigen kann. Ich kann ja viel ertragen, nur lässt sich jetzt eine Ähnlichkeit zu einer alleinerziehenden Fünffachmutter mit Burnout-Syndrom kaum mehr leugnen, denn, guess what: Es lärmt schamlos. Auf der Schulhofwiese sammelt Traktorbruder heute das geschnittene Gras von gestern ein. Haben Sie eigentlich je eine Petition gestartet?

Wir haben Freitag, und mit grosser Wahrscheinlichkeit sind die Gemeindearbeiten abgeschlossen. Mir fällt jedenfalls kein Job ein, den man hier noch erledigen könnte – ausser vielleicht das Schulhaus abreissen und ein Neues bauen oder die Strasse mit noch mehr Holperhügeln ausstatten. Es ist massiv bewölkt, also Innen-Tag. Morgen ist Samstag, und es soll warm werden, was eigentlich prima wäre. Nur startet jeweils samstags, 7.30 Uhr, bekanntermassen der nationale Rasenmähertag der Privatmenschen.

Es tun sich Fragen auf: Ist man durch die Corona-Situation vielleicht dünnhäutiger geworden, und Lärmemissionen fallen einem nach der langen Zeit, wo es draussen verhältnismässig ruhig war, viel mehr auf? Gehört es zum Lärm des Lebens? Oder sitzen wir alle zu dicht aufeinander?“ (Tamara Wernli in Weltwoche 23/2021, 8.6.2021)

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